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Standpunkt

Hatte Luther nicht doch recht?

Martin Luther beklagte moralische Missstände in der Kirche – und wie sieht es heute in Rom aus? "Nichts hat sich geändert", sagt Alexander Görlach: "Die römische Kirchenhierarchie, ihr geistlicher Stand, ist moralisch erledigt."

Von Alexander Görlach |  Bonn - 07.03.2019

Im Jahr 2011 reflektierten führende Konservative in Europa, allen voran der Thatcher-Biograph Charles Moore und der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, angesichts der Verheerungen, die die Finanzkrise angerichtet hatte, ob die Linken mit ihrer Kritik am Neoliberalismus nicht doch recht gehabt hatten. Es war eine Sternstunde der Einkehr und der Neuausrichtung.

Nach der Lektüre des Buches "In the Closet" von Frédéric Martel müssen sich die Katholiken fragen, ob Martin Luther nicht recht gehabt hat mit seiner Kritik am desaströsen Sittenleben, das er seinerzeit im Vatikan vorfand. Das Buch gibt Einblick in den verheerenden Zustand der Kirchenspitze - Sexparties, Orgien und bezahlte Stricher. Dafür hat der Autor mit etlichen Kardinälen, Bischöfen und Monsignori Interviews geführt. Sie alle gaben bereitwillig Auskunft über die Zustände in der Kurie.

Es ist also so wie zu Luthers Zeiten, der die Missstände in der Kirche anprangerte. Nichts hat sich geändert, glaubt man den Interviewten in Martels Buch. Die römische Kirchenhierarchie, ihr geistlicher Stand, ist moralisch erledigt. Den Gläubigen reißt zurecht die Hutschnur. In seiner sensationellen Büttenrede bei "Mainz bleibt Mainz" hat Sitzungspräsident Andreas Schmitt als "Obermessdiener" den Nagel auf den Kopf getroffen - und dabei eine tiefe Liebe zur Kirche offenbart. Die stehenden Ovationen auf sein "Gelobt sei Jesus Christus" und der donnernde Applaus für seine Forderung, endlich den Zölibat abzuschaffen, sind die Approbation des Gottesvolkes, das ja, so will es der Volksmund, die Stimme Gottes ist.

Von Alexander Görlach

Der Autor

Alexander Görlach ist Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs und Senior Research Associate am Institute on Religion and International Studies der Universität Cambridge. Zuvor war der promovierte Theologe und Linguist unter anderem an der Harvard Universität tätig.

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