Schachfigur
Pater Klaus Mertes über den Umgang mit den Sünden der Vorfahren

Kein Anlass zur Selbstgerechtigkeit

Pater Klaus Mertes über den Umgang mit den Sünden der Vorfahren

Von Pater Klaus Mertes |  Bonn - 26.06.2017

Seit ich mit Missbrauchsfällen aus der Vergangenheit konfrontiert werde, fällt mir das Wort von der "Gnade der späten Geburt" ein. Es geht bekanntlich auf Günter Gaus zurück, wurde aber vor allem bekannt durch die Rede von Helmut Kohl in der Knesset am 24. April 1984. Der Sinn des Wortes ist klar: Es gibt keinen Anlass zu Selbstgerechtigkeit; die späte Geburt ist kein Verdienst, sondern Gnade; hätten wir damals schon gelebt, so hätten wir möglicherweise nicht besser gehandelt als unsere Vorfahren.

Doch das Wort wurde missverstanden. Im Historikerstreit 1986 wurde es dazu verwendet, um Helmut Kohl zu denen zu zählen, die die deutsche Vergangenheit angeblich entsorgen nach dem Motto: "Ich habe Gott sei Dank nichts mit den Verbrechen und Irrtümern meiner Vorfahren zu tun und trage deswegen keine Verantwortung." Offensichtlich war eine Öffentlichkeit, der es an elementarer theologischer Bildung fehlt, nicht in der Lage, den Satz anders zu hören als in der missverständlichen Weise. Hoffentlich verändert das Reformationsjahr 2017 daran ein wenig. Luther jedenfalls hätte sofort und richtig verstanden, was mit der "Gnade der späten Geburt" gemeint ist: Sie ist eben kein eigenes Verdienst.

Es gibt keinen Anlass zur Selbstgerechtigkeit, weder im Umgang mit der deutschen Vergangenheit, noch im Umgang mit den Missbrauchsfällen, noch überhaupt im Umgang mit den "Sünden der Vorfahren." Was das Thema Missbrauch betrifft, so lege ich inzwischen jeden Text, jeden Kommentar beiseite, der auch nur von ferne nach Selbstgerechtigkeit riecht, nach dem Motto: "Ich hätte nicht versagt. Ich hätte nicht weggesehen. Ich hätte mich nicht überfordert gefühlt. Ich hätte die Situation richtig eingeschätzt und hätte alles richtig gemacht." Der Gestus des moralischen Richtens über die Sünden der Vorfahren ist eine geistliche Versuchung. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass man sich nicht kritisch mit dem Verhalten von Vorfahren auseinandersetzen dürfte. Es geht um das Selbstverständnis, mit dem man kritisiert. Moralische Selbstgerechtigkeit hilft bei Aufklärung und Aufarbeitung nicht, im Gegenteil: Sie stört und verhindert sie, denn sie hat letztlich nicht die Sache im Blick, sondern – trittbrettfahrend – das eigene eitle Ich.

Meine Erinnerung an Helmut Kohl wird auch mit dem Wort von der "Gnade der späten Geburt" verbunden bleiben, als beständige Warnung davor, in den Ton der moralischen Überheblichkeit zu verfallen, in dem sich so viele auch im Umgang mit dem Gaus/Kohlschen Diktum gefielen.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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