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Standpunkt

Mehr Mut zur Ekstase!

Wie menschlich es ist, das Leben zu feiern, können sich Christen von Party-Leuten abschauen, kommentiert Pater Nikodemus Schnabel. Dabei hätten auch Gläubige allen Grund, ausgelassen zu feiern – gerade wegen der Botschaft von Ostern.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 16.05.2019

Roland Müller, katholisch.de

Mein Kloster in Jerusalem hat mich für ein Jahr nach Berlin ausgeliehen, wo sich mein Glaubens- und Lebenshorizont nochmal ganz neu weiten darf. Vom wichtigsten Pilgerort der Kinder Abrahams kommend finde ich mich nun im zentralen Pilgerort der Kinder des Dionysos wieder: Europas Jugend – und auch darüber hinaus – pilgert zu den Stätten der Musen, des Tanzes, des Rausches und der Ekstase. Jerusalem betet, Berlin feiert.

Warum werden diese beiden Welten aber als so gegensätzlich wahrgenommen? Während die Berliner Party-Szene die grenzenlose Freiheit verspricht, gerieren sich Religionen immer noch zu gerne als moralische Institutionen, welche zwar Halt und Geborgenheit, aber auch geistige Enge und Kontrolle ausstrahlen.

Um ab hier jetzt nur noch selbstkritisch über die christlichen Kirchen zu sprechen: Warum nehmen wir die befreiende frohe Botschaft von Ostern nicht wirklich ernst? Wir brauchen doch keine Angst mehr vor diesem irdischen Leben und vor den vielen auf uns einprasselnden innerweltlichen Ansprüchen zu haben. Wir sind doch von jeder rein funktionalistischen Logik befreit.

Als österliche Menschen sollten wir mehr Mut zur Ekstase haben! Feiern wir unsere Liturgien anstatt sie möglichst schnell zu "persolvieren"! Das legendäre Motto des großen Choreografen George Balanchine lautete: "Musik sehen und Tanz hören!" Wie wunderbar wäre es, wenn wir in unseren liturgischen Feiern gleichsam die Kirchenmusik sehen und die liturgischen Handlungen hören könnten!

Von den Berliner Party-People können wir uns abschauen, wie zutiefst menschlich es ist, das Leben zu feiern – wir sollten ihnen dies aber nicht alleine überlassen. Wir sollten unsere Feierkompetenz wieder neu entdecken: Unsere Feier endet nämlich nicht mit einem Kater!

Zum Festmahl des ewigen Lebens führe uns gemeinsam der König der ewigen Herrlichkeit.

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

Hinweis

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