Schachfigur
Ulrich Waschki über die Substanz des Glaubens

Mit klarem Zeugnis

Ulrich Waschki über die Substanz des Glaubens

Von Ulrich Waschki |  Bonn - 05.01.2016

Ich kann es nicht mehr hören: Wenn manche Kirchenführer und Medien von der "reichen, aber glaubensschwachen deutschen Kirche" sprechen. Es stimmt  - die deutsche Kirche ist reich. Aber glaubensschwach? Kann man den Glauben messen? Statistisch erheben lässt sich lediglich die äußere Form. Danach ist das kirchliche Leben in den vergangenen Jahrzehnten massiv zurückgegangen. Der Papst sprach kürzlich gar von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland. Und der Rückzug wird weitergehen – das erkennt man mit einem Blick in eine Sonntagsmesse.

Früher waren die Kirchen voller. Waren aber die Menschen wirklich gläubiger? Wenn viele zur Messe gingen, weil sie Angst vor Höllenstrafen oder, viel profaner, vor dem Gerede der Nachbarn hatten? Wer heute noch zur Kirche und zum Glauben hält, tut dies freiwillig.

Glaube und Kirche müssen sich in einer völlig freien Gesellschaft bewähren. Da ist es zu einfach, unfair und anmaßend, die deutsche Kirche einfach pauschal als glaubensschwach abzuurteilen. Sind denn die meisten Bischöfe und Pfarrer nur Kirchenbeamte, die Geld und Karteikarten zählen und von Sitzung zu Sitzung eilen?

Noch immer erlebt man bei geweihten Amtsträgern, aber auch bei den anderen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern viele Menschen, die von großer Frömmigkeit, tiefem Glauben und hohem Engagement geprägt sind. Noch immer gibt es viele Menschen aller Altersgruppen, die ihren Glauben leben und sich für ihn einsetzen. Als Lektoren und Kommunionhelfer, als Katecheten, Gruppenleiter, Hospizhelfer, in Frauen- und Sozialverbänden, in der Pfarrcaritas oder ganz aktuell in der Flüchtlingshilfe.

Es gibt weniger Menschen, die sich als Christen verstehen und so leben. Aber bei den meisten derer, die das noch tun, steckt wahrscheinlich mehr Glauben dahinter als beim Milieukatholizismus früherer Jahrzehnte.

Der schrumpfende Rest tut gut daran, sich nicht gegenseitig Kirchlichkeit und Glauben abzusprechen, sondern unverkrampft seinen Glauben zu leben und in die Tat umzusetzen. Das Jahr der Barmherzigkeit ist eine Chance dafür – nämlich im täglichen Leben zu zeigen, was es heißt, Christ zu sein. In der Familie, in der Schule, im Beruf und im Verein. Ohne Überheblichkeit. Ohne Minderwertigkeitsgefühle. Aber mit klarem Zeugnis.

Zur Person

Ulrich Waschki ist Geschäftsführer und Chefredakteur der Verlagsgruppe Bistumspresse.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Ulrich Waschki