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Standpunkt

Müller und Kasper: Genug der Manifeste!

Kardinal Müller setzt Klarheit gegen Verwirrung, Kardinal Kasper hält dagegen: Die alten Muster prägen die aktuellen Manifeste. Bringt das die Kirche weiter? Das Schweigen des Papstes bringt die Kirche jedenfalls nicht weiter, kommentiert Felix Neumann.

Von Felix Neumann |  Bonn - 12.02.2019

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de

"Euer Herz lasse sich nicht verwirren!" ist das Motto, das Kardinal Gerhard Ludwig Müller seinem "Glaubensmanifest" voranstellt, das er, so heißt es in der Einleitung, "angesichts sich ausbreitender Verwirrung" auf Bitten vieler Gläubiger hin veröffentlicht hat.

An Gewissheiten ist das knappe Manifest nicht arm. Von keinerlei postmodernen Zweifeln und Zweideutigkeiten angekränkelt sagt der Kardinal, was Sache ist: Kardinal Müllers Herz ist nicht verwirrt. Sein Ja ist ein Ja, sein Nein ist ein Nein.

Postwendend veröffentlichte sein großer Antipode im Kardinalskollegium, der qua ehemaliger Zuständigkeit für die Ökumene gegenüber Ambiguitäten resistentere Kardinal Walter Kasper, eine Kritik an Müllers Manifest. Zum Ja zu den Glaubenswahrheiten Müllers setzt er beständig ein Aber: Ja, wir glauben an den dreieinen Gott. Aber was ist mit den Juden, mit den Muslimen? Kardinal Kaspers Herz ist nicht verwirrt. Er lässt sich hinausführen ins Weite.

Unversöhnt stehen die beiden Positionen nebeneinander: Der eine ein Leuchtturm an Gewissheit gegen den "Zeitgeist", der andere gelassen angesichts der Ungewissheiten der Gegenwart.

Es ist einfach, diese fundamentalen Differenzen innerhalb der Kirche auf ein politisches Links-Rechts-Schema zu projizieren. Produktiv ist eine derartige Unterscheidung nicht; zumal nicht mit Blick auf den Horizont der Erlösung, bei dem die beiden ungleichen Kardinäle sich einig sind.

Timothy Radcliffe, der ehemalige Ordensmeister der Dominikaner, hat bereits vor über zehn Jahren diese fundamentalen Deutungsunterschiede unter Katholiken auf Formeln gebracht, die nicht einfach nur weltliche politische Kategorien nachvollziehen: Er sprach von "Reich-Gottes-Katholiken" und "Communio-Katholiken". Die ersten haben laut Radcliffe einen "tiefen Sinn für das wandernde Volk Gottes auf seinem Weg hin zum Reich Gottes", sie betonen Offenheit und das Wirken des Heiligen Geistes auch außerhalb der Kirche, ihnen sind Freiheit und Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wichtig. Die anderen, die Communio-Katholiken, wollen die Gemeinschaft der Kirche stark machen, sie betonen katholische Identität und sind skeptisch gegenüber den Untiefen der Moderne, sie schätzen Ordnung und Wahrheit und Klarheit. Es ist deutlich: Müller ist im Lager der Communio-Katholiken, Kasper bei den Reich-Gottes-Katholiken.

Schon Radcliffe hatte 2006 die Sprachlosigkeit zwischen diesen Lagern beklagt. Heute ist diese Sprachlosigkeit noch größer: Kaum ein Reich-Gottes-Katholik kann die Verunsicherung, die Furcht vor der Verwirrung nachvollziehen, gegen die Müller steht. Kaum ein Communio-Katholik, wie sorglos die anderen angesichts der Auflösung aller Gewissheiten und der Pluralisierung sind. Keine dieser Positionen ist einfach "rechts" oder "links", "orthodox" oder "heterodox".

"Die Trennungen können nur geheilt werden, wenn wir uns um das Verständnis bemühen, warum die anderen so denken, wie sie denken", schrieb Radcliffe damals. Von Manifesten hat er nichts geschrieben. Die Methode Franziskus ist bisher, zu solchen Kontroversen zu schweigen: Bei den "Dubia", bei Viganos Brandbrief. Befürworter und Gegner wünschen sich, er würde sich klar positionieren – dabei mangelt es nicht an klaren Positionen in der Kirche. Es wäre die Sache des Papstes in seinem Einheitsamt, sich zu Wort zu melden: Nicht als Richter zwischen den Positionen, nicht als Partei – sondern als der Brückenbauer, der den Dialog einfordert.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de.

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