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Standpunkt

Muslime als Problembären?

In Deutschland würden sich viele Muslime inzwischen als misstrauisch beäugte Bürger zweiter Klasse sehen, so Matthias Drobinski. Doch es gebe einen Lichtblick am Himmel.

Von Matthias Drobinski |  Bonn - 03.12.2018

"Der Islam" - das bezeichnet selbst für viele Linke und Liberale mittlerweile weniger eine Weltreligion als vielmehr eine Problemanzeige. "Der Islam" ist, so die Wahrnehmung, strukturell demokratiefern und frauenfeindlich; lässt man ihn gewähren, gebiert er Parallelgesellschaften und wird zum Einfallstor ausländischer Interessen und Konflikte. Die Angst vor "dem Islam" hat eine offen islamfeindliche rechte Partei in den Bundestag und alle Länderparlamente gebracht, das hat die Entdifferenzierungsprozesse noch einmal angetrieben. Kein Wunder, dass sich viele Muslime, die als gute Staatsbürger und Steuerzahler in Deutschland leben, inzwischen als misstrauisch beäugte Bürger zweiter Klasse sehen, als Problembären, deren Schädlichkeit es zu begrenzen gilt.

Da ist die vierte Islamkonferenz, die vergangene Woche ihre Arbeit aufgenommen hat, ein echter Lichtblick. Sie ist ohne das große Pathos gestartet, das vor zwölf Jahren die erste Konferenz dieser Art prägte. Das ist der notwendigen Ernüchterung geschuldet: Der größte Islamverband, die vom türkischen Religionsministerium abhängige Ditib, fällt als Gesprächspartnerin aus, sie ist zu Präsident Erdogans Erfüllungsgehilfin geworden. Und die vielen Flüchtlinge, die 2015 kamen, werden den Islam in Deutschland nicht weltoffener und toleranter machen. Das Innenministerium hat aber darauf reagiert. Es setzt verstärkt auf Persönlichkeiten und Gruppen außerhalb der Verbände - und da gibt es viel mehr, als im gegenwärtigen Problemdiskurs wahrgenommen wird. Es gibt die Ditib-Aussteiger, die Unabhängig von Ankara sein wollen. Es gibt die liberalen Theologinnen und Theologen, Frauengruppen, junge Muslime, die Frömmigkeit und Weltoffenheit verbinden wollen. Es gibt die säkularen Muslime mit ihrer scharfen, manchmal polemischen, oft aber auch notwendigen Islamkritik.

Sie alle hat die Konferenz zusammengebracht, natürlich auch die Verbandsvertreter, die ja auch Teil des real existierenden Islams im Land sind. Sie haben - auch mit den Vertretern des Staates - dort gestritten, wie Imame ausgebildet und auch angestellt werden sollen, wie Moscheegemeinden finanziert werden können, ob es einen deutschen Islam braucht und wie der aussehen könnte. Es scheint eine Islamkonferenz der kleinen Schritte zu werden, weil die großen Entwürfe Pause machen müssen, aber immerhin: Es reden Muslime miteinander die sonst nur übereinander lästern würden. Und es zeigt sich: Ja, es gibt eine Menge Probleme, aber auch viele Entwicklungen; dies läuft gut und jenes leider schlecht. Differenzierungen halt. Nie waren sie so wertvoll wie im Zeitalter der großen Vereinfachungen.

Von Matthias Drobinski

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

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