Schachfigur
Klaus Mertes über abstrakte und konkrete Menschenliebe

Von Kopfgeburten und Sprachpolizei-Gehabe

Klaus Mertes über abstrakte und konkrete Menschenliebe

Von Pater Klaus Mertes SJ |  Bonn - 15.03.2016

"Es gibt keine Christenverfolgung, es gibt nur Menschenverfolgung!" Diesen Satz schleuderte mir eine mir unbekannte Person auf einer Vortragsveranstaltung über Christenverfolgung im Nahen und Mittleren Osten entgegen. Ich war für einen Moment platt. Es gibt also auch keine Judenverfolgung, keine Jesidenverfolgung? Was soll das?

Der Satz geht mir seither nicht aus dem Sinn. Was geht in den Köpfen und Bäuchen von Menschen vor, die solche Sätze absondern, und das auch noch mit dem Pathos der Empörung? Es ist für mich letztlich ein Satz des Hasses, der sich in universalistischem Habitus tarnt. Niemand, der Christenverfolgung thematisiert, leugnet damit implizit, dass andere Menschengruppen auch verfolgt werden. Niemand leugnet auch, dass die gesamte syrische Bevölkerung unter dem Terror und den Massakern der Islamisten leidet. Und schließlich leugnet niemand, dass es Kreise gibt, die die Christenverfolgung instrumentalisieren, um sie für antiislamische Propaganda zu nutzen.

Dazu hat Christian de Chergé, der Prior des Trappisten-Klosters von Thibirine, das Notwendige in seinem Testament gesagt: Er verbäte es sich im Falle seiner Ermordung durch die islamistische GIA in Algerien, dass sein Tod für Islamkritik missbraucht werde. Kurz darauf, im März 1996, wurde er zusammen mit sechs Mitbrüdern dann tatsächlich von Islamisten entführt und ermordet.  Das jedenfalls sind die Stimmen, an denen ich mich in diesen verwirrten Zeiten orientiere.

Falscher Universalismus ist der ideologische Ausdruck abstrakter Menschheitsliebe, die sich von konkreten Bindungen und Loyalitäten lossagt. Das ermöglicht zwar ein rücksichtlos-rechthaberisches und zugleich moralisch hoch aufgeladenes Auftreten gegenüber Menschen, die in konkreten Loyalitäten stehen, diese auch existentiell fühlen und sich zu ihnen bekennen. Aber dennoch traue ich diesem Typus von Moral nicht. Abstrakte Menschenliebe kann im konkreten Fall sehr unmenschlich handeln.

Wie menschenfreundlich und liebevoll ein Mensch wirklich ist, zeigt sich daran, wie er mit dem konkreten Menschen umgeht, der vor ihm steht, auch mit seinen konkreten Zugehörigkeiten und Bindungen - und im Fall der Fälle daran, welche konkreten Grenzen er um der Nächstenliebe willen überschreitet. Nur wer für die Bedeutung des Konkreten, Begrenzten Sinn hat, wird auch andere Menschen in ihren jeweiligen Zugehörigkeiten und Bindungen respektieren und im Fall der Fälle liebevoll kritisieren.

Die abstrakte Menschenliebe liebt hingegen nur ein Abstraktum, aber nicht konkrete Menschen. Wenn sie so auftritt wie die oben zitierte Person, dann hat sich der ethische Universalismus endgültig in Luft aufgelöst. Was bleibt, sind Kopfgeburten und anmaßendes Sprachpolizei-Gehabe.

Der Autor

Pater Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. 2010 brachte er in seiner früheren Funktion als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin die Aufdeckung des kirchlichen Missbrauchsskandals ins Rollen.

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