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Standpunkt

Warum jeder Christ die Warnungen des Papstes beherzigen sollte

Papst Franziskus warnt vor einem Rückfall in den Faschismus – und findet damit bei bestimmten Katholiken kaum Gehör. Dabei sollte jeder Christ die Sorgen des Pontifex ernst nehmen, kommentiert Andreas Püttmann. Denn rechte Hetze sei schon zu normal geworden.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 14.08.2019

Er hat es wieder getan. Schon im Januar 2017 fühlte sich Papst Franziskus an 1933 erinnert: "Hitler hat die Macht nicht an sich gerissen, er wurde von seinem Volk gewählt und hat sein Volk zerstört. In Zeiten der Krise versagt das Urteilsvermögen." Wenn Heilsbringer den Menschen "eine verquere Identität" versprächen, drohe es "sehr schlimm" zu werden. Gerade war Trump zum US-Präsidenten gewählt, das polnische Verfassungsgericht entmachtet und ein erster Brexit-Plan vorgelegt worden.

Nun hat der Papst erneut vor einem Rückfall in den Faschismus gewarnt: "Ich bin in Sorge, weil man Reden hört, die denen von Hitler 1934 ähneln: 'Zuerst wir. Wir ..., wir ...' - das ist ein Denken, das Angst macht"; der neue nationale "Souveränismus" sei "eine Übertreibung, die immer schlecht endet: Sie führt zum Krieg." Unter den Katholiken, die früher bei jedem päpstlichen Räuspern stramm standen, findet die Sorge des Pontifex kaum Resonanz. Sie schweigen, relativieren die Gefahr oder belobigen den Rechtspopulismus als "konservative" Abwehr eines neuen linken Totalitarismus. O insancta simplicitas – o unheilige Einfalt!

Am Tag nach dem Papstinterview publizierte Extremismusexperte Hajo Funke eine "Hintergrundinformation zu den Landtagswahlen" in Sachsen, Brandenburg und Thüringen. Alle drei Spitzenkandidaten der AfD – Andreas Kalbitz, Jörg Urban und Björn Höcke – seien "rechtsextrem, teils neo-nationalsozialistisch und wollen eine Zerstörung des Ganzen, des 'Systems' wie sie sagen." Funkes Analyse von Fakten, Zitaten und historischen Bezügen kann selbst AfD-Kritiker noch erschrecken. Man erkennt sich wieder im legendären Frosch, der in langsam erwärmtem Wasser aus Gewöhnung nicht merkt, was gerade passiert. Das Grundrauschen rechter Dauerhetze im Netz, auf der Straße und bis in die Parlamente hinein ist schon zu vielen zu normal geworden.

Zwar ist dem beschworenen Republikbeben nach den Wahlen entgegenzuhalten: Die Bevölkerung der drei Bundesländer macht zusammen nicht mal die Hälfte der Einwohner Nordrhein-Westfalens aus und wählt zu Dreivierteln nicht AfD. Demokraten sollten sich nicht selbst verzwergen! Dennoch sollte jeder Christ und Staatsbürger des Papstes Warnung beherzigen, sich gründlich informieren, mutig gegenhalten und jene unterstützen, die unserer freiheitlichen Ordnung in besonders exponierter Weise dienen. Der Mord an Walter Lübcke mahnt, doch der Verteidigungsfall im Innern beginnt nicht erst bei extremistischer Gewalt. Er ist früher, vor allem geistig zu meistern, im Sinne Konrad Adenauers, der im Juli 1945 seinen Kölnern schrieb: "Die einen haben gesündigt durch die Tat, die anderen durch ihr teilnahmsloses Zuschauen... Wieder andere, die die Macht dazu gehabt hätten, haben nicht eingegriffen und dem Bösen, dem Wahnsinn nicht Einhalt geboten, als es noch möglich war."

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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