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Standpunkt

Warum viele Katholiken sich selbst Papst genug sind

Franziskus' geistliche Impulse, auch die zum "synodalen Weg", drohen ignoriert, hintertrieben oder totgelobt zu werden, befürchtet Andreas Püttmann. Viele Katholiken würden nur das aus den Worten des Papstes herauslesen, was sie hören wollten.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 12.07.2019

Der Papstbrief zum "synodalen Weg" der deutschen Katholiken ließ Fragen in mir aufsteigen: Wer liest das noch? Und zwar nicht "quer", sondern konzentriert und lernbereit von Anfang bis Ende? Wie vielen ist der Brief die halbe Stunde Zeit wert? Wie viele werden darin nur nach ihren zwei, drei thematischen Steckenpferden und Bestätigung suchen? Kommt die: "Guter Brief!" Bleibt sie aus: "Schwach!" Sind viele Katholiken nicht sich selbst Papst genug? Die Bertelsmann-Stiftung fragte 2011 vor dem Deutschlandbesuch Benedikts XVI.: "Ist es Ihnen wichtig, was der Papst sagt?" 37 Prozent der Katholiken antworteten "Ja", 58 Prozent "Nein"; nur 11 Prozent war der Besuch laut Forsa "sehr wichtig".

Diejenigen, die dagegen "Papsttreue" auf ihre Fahnen schrieben, scheinen heute oft das Ende des aktuellen Pontifikats herbeizusehnen und hintertreiben dessen Impulse. Wie heuchlerisch die Fassade der Ergebenheit gegenüber dem Nachfolger Petri ist, kann man in Internetmedien der Szene fast täglich besichtigen. Diese Art Konservativer warnt der Brief, nicht bloß "Gewohnheiten und Praktiken zurückgewinnen" zu wollen, die vielleicht einmal sinnvoll waren, sich aber kulturell überlebt haben. Schon "Evangelii gaudium" entlarvte ihren Drang, aus der Kirche "ein Museumsstück" zu machen, als "spirituelle Weltlichkeit".

Indes üben sich liberale Amtsträger im Totloben des Schreibens. Dabei durchkreuzt es die populäre Engführung, Kirchenreform habe vor allem mit dem Dreiklang "Frauenweihe, Zölibat, Sexualmoral" zu tun. Die anmaßende Attitüde des "Wir machen jetzt endlich mal richtig Kirche und räumen mit den Irrtümern aus der Zeit vor uns auf" missachtet die katholische Bedeutung der lehramtlich vermittelten Tradition. Die nannte Chesterton eine "Demokratie mit den Toten". Franziskus mahnt, wahre Reform sei nicht nur eine "Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute". Sie müsse aus Frömmigkeit erwachsen und dürfe weder Beifall aus der Gesellschaft noch die Zufriedenstellung aller Beteiligten zum Maßstab erheben.

Manche bemängeln, der Text sei zu theologisch. Für mich jedoch ist das seine Stärke. Wer christliche Hochkultur will, darf nicht aufhören, sich geistig nach der Decke zu strecken. Differenziert und wohlwollend wirbt Franziskus dafür, Nachfolge Christi nicht in Nabelschau, sondern wesentlich für andere zu leben, für Notleidende, Sinnsucher, am Rand Stehende. Mission als Antwort auf Gottes Liebe bedürfe der göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung. Wenn das Modernisierungskonzept, das schon den "Dialogprozess" 2011-2015 prägte, wieder in der Gesamtkirche aufläuft, droht herbe Enttäuschung. Und dann? Der "synodale Weg" muss fundamentaler ansetzen als ein auf wenige "Stellschrauben" fixiertes Projekt. Ein guter Anfang wäre die Übung, Gegenpositionen zur eigenen argumentativ zu vertreten. Katholiken anderer Weltregionen könnten den Prozess bereichern. So wie der immer wieder überraschende Papst.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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