Reichen 35 Cent am Tag?
Bild: © KNA
Indien streitet um seine Armen

Reichen 35 Cent am Tag?

Armut - Die Größe einer Nation ist am Umgang mit ihren schwächsten Mitgliedern abzulesen", soll Indiens Nationalheld Mahatma Gandhi einst gesagt haben. Nach diesem Maßstab gehört Indien - in der Lesart der Regierung - zu den Supermächten: Getreide wird für große Teile der Bevölkerung subventioniert, jedem auf dem Land sind 100 Tage im Jahr Arbeit zugesichert und die Zahl der Armen sinkt rapide.

Neu Delhi - 31.07.2013

Dieser optimistische Blick wird allerdings von vielen infrage gestellt, von Hilfsorganisationen bis hin zum Nobelpreisträger. Ein Streit um die Armut ist im Land entbrannt. Die Zahlen sehen gut aus: Nur noch 22 Prozent der Menschen in Indien lebten zuletzt unter der Armutsgrenze, fand die Planungskommission der Regierung in der vergangenen Woche heraus. Sieben Jahre vorher waren es noch 37 Prozent, Mitte der 90er Jahre sogar noch 45 Prozent. In dem riesigen Land mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern bedeutet das: Ihre Zahl konnte zwischen 2004/05 und 2011/12 um etwa 138 Millionen reduziert werden. Doch statt Lob hagelte es Kritik.

Es könne nicht applaudiert werden, erklärte die Hilfsorganisation Actionaid. Denn auf den Nahrungsbedarf sei überhaupt keine Rücksicht genommen worden - und das in einem Land, in dem laut Unicef fast die Hälfte der Kleinkinder unterernährt ist und jedes Jahr mehr als 300.000 Babys innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Geburt sterben.

Nicht mehr arm, wer mehr als 34 Euro-Cent pro Tag zur Verfügung hat

Für den Armutsbericht wurden vielmehr die Ausgaben eines Menschen berechnet. Demnach ist nicht mehr arm, wer mehr als 34 Euro-Cent pro Person und Tag in ländlichen Gebieten und 42 Cent in Städten zur Verfügung hat. Das sei viel zu wenig und verspotte die Armen, kritisierte die Opposition. Raj Babbar, Sprecher der regierenden Kongresspartei, konterte: Sogar in der Metropole Mumbai könne man für 12 Rupien (15 Cent) eine vollwertige Mahlzeit finden. Sein Parteikollege Rasheed Masood legte nach, in der Hauptstadt Neu Delhi sei das schon für 5 Rupien möglich.

Ein gefundenes Fressen für die Medien, die die oft maßlos reichen Politiker für weltfremd erklärten und zeigten, dass diese Preise dank der fast zweistelligen Inflation schon lange nicht mehr gelten. Ein Tee koste heute in Delhi 7 Rupien, ein Teller mit Reis und Linsen an Straßenständen 15 Rupien und wer zwei Fladenbrote mit Soße wolle, müsse 20-25 Rupien hinblättern, schrieb etwa die "Times of India".

Eine Frau in Afrika hält Saatkörner in der Hand.
Bild: © KNA

Eine Frau in Afrika hält Saatkörner in der Hand.

Dass 34 oder 42 Cent nicht reichen, um den Hunger zu stillen, gestand die Regierung quasi auch selbst ein. Erst Anfang des Monats hatte sie beschlossen, hoch subventioniertes Getreide nicht an 22 Prozent, sondern an 67 Prozent der Bevölkerung auszugeben. Es gibt also verschiedene Armutsgrenzen im Land - und auch weltweit. Die Weltbank kennt zwei weithin akzeptierte Sätze, eine für "extreme Armut" bei 1,25 US-Dollar in Kaufkraftparität und eine bei 2 Dollar.

Umgelegt auf die Gegebenheiten im Land liegt die niedrigere Linie bei 38 Cent und damit in etwa gleichauf mit der Definition Indiens. Allerdings zeigt sich an den Weltbank-Daten auch: Andere Länder haben bei der Armutsbekämpfung größere Fortschritte gemacht.

Immer noch dauerhafte Hungersnot in Indien

Während 1981 noch 22 Prozent der extrem Armen der Welt in Indien lebten, waren es nach den neuesten Zahlen 2010 ganze 33 Prozent. Das aufstrebende Schwellenland, das von Weltkonzernen als Outsourcing-Destination genutzt wird und noch in diesem Jahr eine Mission zum Mars starten will, hat noch immer eine dauerhafte Hungersnot im Land.

Das macht auch Wirtschafts-Nobelpreisträger Amartya Sen wütend und lässt ihn zum derzeit omnipräsenten Interviewpartner werden. Das Wirtschaftswachstum Indiens der vergangenen zwei Jahrzehnte gehöre zu den kräftigsten der Welt, doch die Politik habe vollkommen versagt, dessen Früchte zu verteilen, meint Sen. Das Land bestehe heute aus "US-Kalifornischen Inseln in einem Meer aus Subsahara-Afrika", schreibt er zusammen mit Jean Dreze in seinem neuen Buch "An Uncertain Glory: India and it's Contradictions".

Tatsächlich hat das viel ärmere Nachbarland Bangladesch in den Sozialdaten Indien längst überholt: Die Menschen dort leben länger, Kinder sterben seltener, sie gehen länger zur Schule und haben mehr Toiletten. Sen sagte dem Nachrichtensender NDTV: "Die indische Geschichte ist heute eine von privatwirtschaftlichem Erfolg und staatlichem Versagen."

Was wohl Mahatma Gandhi dazu sagen würde? Von ihm, der selbst als Armer unter den Armen lebte, ist überliefert: "Armut ist die schlimmste Form der Gewalt."

Von Doreen Fiedler (dpa)