Monika Metternich über das "Bettler-Verbot" am Bonner Münster

Zwischen Barmherzigkeit und Verantwortung

Aktualisiert am 22.08.2016  –  Lesedauer: 
Standpunkt

Bonn ‐ Monika Metternich über das "Bettler-Verbot" am Bonner Münster

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Das Bonner Münster ist in die Schlagzeilen geraten. Lautstarke, handgreifliche Auseinandersetzungen rivalisierender Bettlergruppen am Kirchenportal führten zu einem vorläufigen "Aufenthaltsverbot für bettelnde Personen". Seither wird darüber diskutiert, wie sich eine solche Entscheidung mit der christlichen Barmherzigkeit verträgt.

Was das Bonner Münster für mich als Gemeindemitglied immer so besonders liebenswert gemacht hat, ist die heiße Mischung, die sich in ihm tummelt: Arme und Reiche, Politiker und Obdachlose, Junge und Alte, Groß- und Kleinbürger, Professoren und Studenten, Konservative und Liberale, Vernünftige und Verrückte, Gläubige aller Nationen. Auffällig präsent - mehr als in irgendeiner anderen mir bekannten Gemeinde - waren immer die Bettler. Nicht nur an den Kircheneingängen hatten sie ihren festen Platz, sondern oft auch in der Messe.

Unvergessen die Frühmessen des inzwischen verstorbenen Professor Hans Jorissen, in denen oft ein Viertel der Teilnehmer aus Bettlern bestand, die sich pünktlich in den ersten Reihen der Krypta positioniert hatten und sehr lautstark mitbeteten und -sangen. Die Annahme, dass er wohl auch für ihr leibliches Wohl gesorgt hat, liegt nicht fern. Im Bonner Münster treffen sich die "Mühseligen und Beladenen", ob sie nun Bürger, Studenten oder eben Bettler sind. "Kommt alle zu mir!", heißt es aufmunternd im Evangelium - und genau das passiert hier. Jeden Tag.

In den vergangenen Monaten hat sich etwas verändert. Ob es nun organisierte Banden sind oder hinzugekommene Konkurrenz, welche die altbekannten Bettler vertrieben und nun um den lukrativen Standpunkt Bonner Münster kämpften - jedenfalls: Wer hineinwollte, um dort seine Lasten loszuwerden oder um etwas Ruhe zu finden, fühlte sich verunsichert und oft auch bedroht. Hier musste eine Lösung gefunden werden, denn die Kirche hat für alle Menschen da zu sein.

Das nun verhängte Aufenthaltsverbot für Bettler auf kirchlichem Gelände ist nur befristet. Ein Blick in die Kirchengeschichte könnte vielleicht zu einer Lösung des Problems taugen, denn er erweist tröstlich, dass der Mittelweg zwischen den gebotenen Werken der Barmherzigkeit und der Verantwortung für alle Gläubigen zu allen Zeiten ein schwieriges Thema war. Eine Lösung, die beispielsweise im frühen 16. Jahrhundert gefunden wurde, war die Begrenzung der Bettelerlaubnis vor den Kirchen auf Bettler aus dem Stadtgebiet - und eine kirchliche Armenspeisung für alle anderen Bedürftigen. Vielleicht auch eine Lösung für Bonn?

Die Autorin

Monika Metternich ist Religionspädagogin, Schriftstellerin und Journalistin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.
Von Monika Metternich