Italiens Fußball-Nationalmannschaft protestiert bei der Weltmeisterschaft 2006 gegen Rassismus.
Italiens Fußball hat ein Rassismus-Problem

Fußball und Vaterland

Fußball - Wenn die italienische Fußball-Liga Serie A an diesem Sonntag in ihre 82. Saison startet, werden vor allem Themen außerhalb des Sports in den Medien dominieren. Ausbleibende internationale Erfolge, leere Kassen, geringes Zuschauerinteresse und Manipulationsskandale bestimmen den italienischen Fußball.

Bonn - 24.08.2013

Kein anderes Thema bewegt den "Calcio" momentan aber so sehr wie der Rassismus in den Stadien. Die Fremdenfeindlichkeit hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen, das belegen zahlreiche rassistische Vorfälle. Doch woher kommt der Rassismus in einem Land, in dem der Katholizismus eine derart große Rolle spielt?

Für Kevin-Prince Boateng und seine Teamkollegen sollte es ein ganz normales Testspiel werden. Der gebürtige Berliner mit ghanaischen Wurzeln befand sich mit seinem Verein AC Mailand gerade in der Vorbereitung zur Rückrunde der Serie-A-Saison 2012/13. Das Testspiel gegen den Viertligisten "Pro Patria", übersetzt "Für das Vaterland", sollte Erkenntnisse im Hinblick auf die Form der Mannschaft geben.

Fußballspieler Kevin-Prince Boateng wurde bereits mehrfach rassistisch beleidigt.

Fußballspieler Kevin-Prince Boateng wurde bereits mehrfach rassistisch beleidigt.

Was sich jedoch am 3. Januar 2013 auf dem Platz abspielte, löste international hitzige Rassismus-Debatten aus: Von Beginn an bedachten Teile der Pro-Patria-Fanschaft Boateng und seine dunkelhäutigen Teamkollegen mit Schmähgesängen und provozierten die Kicker mit rechtsradikalen Parolen. In der 26. Minute wurde es Boateng zu viel: Der 26-Jährige drosch den Ball in Richtung der Übeltäter, zog sein Trikot aus und verließ den Platz. Seine Teamkollegen folgten ihm geschlossen. Kurz darauf brach der Schiedsrichter die Begegnung ab.

Nach dem Spiel schrieb Boateng auf seinem Twitterprofil, es sei eine Schande, was sich im Stadion abgespielt habe. Für seine Entscheidung, das Spielfeld zu verlassen, erhielt er Lob von allen Seiten. Selbst der Präsident von Pro Patria, Pietro Vavassori, zeigte Verständnis für Boatengs Reaktion. Der örtliche Bürgermeister Gigi Farioli betonte dagegen, nur ein kleiner Teil der Anhängerschaft sei für diesen Eklat zuständig gewesen. "90 Prozent der Zuschauer haben applaudiert, als die Spieler das Feld verließen."

Keine Ausnahme

Rassismus im italienischen Fußball – eine Ausnahme? Fakt ist: Immer wieder werden italienische Profiklubs für die fremdenfeindlichen Entgleisungen ihrer Fans zur Kasse gebeten. Anfang August wurden Rekordmeister Juventus Turin und Serie-A-Aufsteiger US Sassuolo wegen rassistischer Gesänge ihrer Fans zu Geldstrafen von jeweils 30.000 Euro verurteilt. In den Stadien einiger Klubs sind regelmäßig Spruchbänder mit Hakenkreuzen und faschistischen Parolen zu sehen.

Es erscheint absurd: Rassismus in einem Land, das zu den katholischsten der gesamten Welt gehört – ein Land, in dem sich 85 Prozent der Bevölkerung zu einer Religion bekennen, die sich Werten wie Nächstenliebe, Toleranz und Achtung der Menschenwürde verschreibt. Ein Land, in dem über 50.000 Priester, 155 Bischöfe und 38 Kardinäle wirken. Ein Land, das mit dem Vatikanstaat den Regierungssitz des Papstes beherbergt.

Italiens dunkle Seite

Doch es gibt auch die andere Seite Italiens. Fremdenfeindlichkeit ist spätestens seit dem 20. Jahrhundert ein Problem der Republik. Einen großen Anteil daran hatte der 1922 von Benito Mussolini eingeführte Faschismus, der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Land regierte und als Modell für ähnliche Bewegungen, unter anderem den Nationalsozialismus, fungierte.

Der Fußballer Mario Balotelli liegt mit dem Händen vorm Gesicht auf dem Spielfeld.

Auch der italienische Nationaspieler Mario Balotelli ist immer wieder rassistischen Anfeindungen in den Stadien ausgesetzt.

In der italienischen Politik ist rechtsgerichtetes Denken bis heute präsent. Silvio Berlusconi, der das Land mit seiner Mitte-Rechts-Partei Forza Italia (seit 2009 Popolo della Liberta) insgesamt 13 Jahre regierte, echauffierte sich im Zuge seiner Verurteilung zu einer vierjährigen Haftstrafe Anfang August über die "kommunistischen Richter".

Parteien wie die Legia Nord fallen regelmäßig durch fremdenfeindliche Aussagen auf – sogar gegen andere Politiker, wie im Falle von Integrationsministerin Cecile Kyenge. Die erste schwarze Regierungspolitikerin in der Geschichte Italiens sieht sich eigenen Angaben zufolge neben den Schmähungen der Legia-Nord-Partei täglich Beleidigungen und Todesdrohungen ausgesetzt. Meist bleiben die Entgleisungen ohne Folgen – bei Teilen der Gesellschaft treffen sie jedoch auf Zustimmung.

Fehlende Aufarbeitung des Faschismus

Dabei kommt der rechten Bewegung zugute, dass der Faschismus in Italien nie wirklich aufgearbeitet wurde. Nach wie vor pilgern jährlich Tausende Menschen zum Grab Mussolinis und huldigen dem "Duce"; das faschistische Bildungs- und Kulturzentrum CasaPound in Rom verzeichnet zehn Jahre nach seiner Gründung tausende Mitglieder und betreibt Buchhandlungen, Theater, eine Rockband und einen Radiosender.

CasaPound gilt auch als das ideologische Zuhause des 50-Jährigen Gianluca Casseri, der im Dezember 2011 in Florenz zwei senegalesische Straßenhändler auf offener Straße erschoss und drei weitere schwer verletzte, bevor er in einem Parkhaus Selbstmord beging. Trotz dieses Attentats und weiterer rassistisch motivierter Übergriffe in den vergangenen Jahren scheint die Politik den Einfluss der Rechten zu unterschätzen.

Kevin-Prince Boateng wird diesen Einfluss nie wieder unterschätzen. Nach dem Vorfall im Spiel gegen Pro Patria und seiner vielgelobten Reaktion durfte der 26-Jährige vor den Vereinten Nationen über Rassismus im Sport referieren. In einem flammenden Plädoyer machte er seine Haltung deutlich: "Rassismus muss aktiv bekämpft werden, er verschwindet nicht von selbst." Ein klares Signal – sowohl an den italienischen Fußball als auch an Italien selbst.

Von Martin Henning