Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel besuchen gemeinsam die Grabeskirche in Jerusalem.
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Katholiken und Orthodoxe sprechen über "Synodalität und Primat"

In trauter Verschiedenheit

Ökumene - Katholische und orthodoxe Theologen haben zu einem ökumenischen Konsens über das Thema "Synodalität und Primat" gefunden - natürlich nicht ohne gewisse Einschränkungen.

Von Kilian Martin |  Bonn - 02.10.2016

Welche Rolle spielt der Papst? Wenige Streitpunkte prägen den ökumenischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche so stark, wie der Primat des Bischofs von Rom. Dennoch haben Katholiken und Orthodoxe nun zu einem ökumenischen Konsens über "Synodalität und Primat" gefunden.

Doch gibt es gleich die erste Einschränkung zu machen: Die internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche hat den Ur-Grund der Kirchenspaltung nicht beseitigt. Der Bischof von Rom gilt den Orthodoxen auch weiterhin nicht als das, was Katholiken in seinem Amt unabdingbar sehen: die oberste Gewalt der Kirche.

Seit 1980 arbeiten theologische Experten der katholischen Kirche und der 14 orthodoxen Kirchen in diesem Gremium daran, den Weg zur Einheit zu finden. Zwischenzeitlich lagen die Gespräche über Jahre auf Eis, doch zuletzt gelang es den Theologen, wieder konstruktiv zu debattieren.

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Patriarch Kyrill I. (l.) und Papst Franziskus bei ihrem historischen Treffen in Havanna am 12. Februar 2016.

Und tatsächlich war der Ton zwischen Katholiken und Orthodoxen seit dem Auseinanderbrechen von Ost- und Westkirche im Jahr 1054 wohl nie so freundlich wie heute. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die einflussreichen Kirchenführer auf beiden Seiten: Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung war das Treffen des Moskauer Patriarchen Kyrill I. mit Papst Franziskus. Auch dessen gute Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., sind eine belastbare Stütze der Ökumene.

Doch wie gestaltet sich Verhältnis von Papst und Patriarchen abseits der persönlichen Ebene? Die Experten der Dialogkommission nähern sich der Frage aus einer historischen Perspektive und haben dazu zunächst das erste Jahrtausend in den Blick genommen. Im Titel des in der vergangenen Woche verabschiedeten Dokuments von Chieti heißt es, man wolle sich gemeinsam auf den Weg machen "zu einem gemeinsamen Verständnis im Dienst an der Einheit der Kirche".

Zentrale Bedeutung der Eucharistie wird betont

In dem kurzen, nur 21 Abschnitte umfassenden Schreiben wird facettenreich die kirchliche Gemeinschaft beschrieben, die seit jeher eine "Einheit in Verschiedenheit" gewesen sei. Doch sie war eben eine Gemeinschaft: "Die Geschichte der Kirche im ersten Jahrtausend ist entscheidend. Trotz gewisser vorübergehender Brüche lebten Christen aus Osten und Westen in einer Gemeinschaft", stellen die Autoren fest. In besonderer Weise betonen sie dabei die zentrale Bedeutung der Eucharistie, welche in allen beteiligten Kirchen gültig gefeiert wird und damit das wesentliche verbindende Element darstellt. Ebenso seien die Kirchen stets verbunden geblieben in der apostolischen Sukzession. Das gemeinsame theologische, rechtliche und liturgische Erbe stelle auch am Beginn des dritten Jahrtausends noch einen "notwendigen Bezugspunkt und eine kraftvolle Inspirationsquelle für Katholiken wie Orthodoxe dar, wenn sie sich darum bemühen, die Wunden ihrer Trennung zu heilen".

Mit ihrer exklusiven Betrachtung der Zeit vor der großen Kirchentrennung hat die Dialogkommission sich unverkennbar einen Gefallen getan. So konnten die Autoren des Abschlussdokuments der 14. Vollversammlung der Dialogkommission den Blick auf das Verbindende richten, ohne Scheuklappen aufsetzen zu müssen. Dadurch können Katholiken den Ausführungen über das Prinzip der Synodalität und die Gemeinschaft der Bischöfe vorbehaltlos zustimmen. Im Gegenzug wird die Entwicklung der römischen Vorrangstellung in der Westkirche orthodoxiefreundlich formuliert und lediglich festgestellt: "Dieses Verständnis wurde im Osten nicht übernommen, da dieser die Schriften und die Väter in diesem Punkt anders interpretierte." Allerdings heißt es im gleichen Absatz auch: "Unser Dialog könnte zu diesem Thema in Zukunft noch einmal zurückkehren."

Linktipp: Die eine, vielfältige Kirche

Die eine Kirche Christi tritt in verschiedensten Formen auf, etwa in den orthodoxen und orientalischen Kirchen. Wir erklären das katholische Verständnis von "Kirche", was das für die Ökumene bedeutet und stellen unterschiedliche Traditionen vor.

Der für seine festen Überzeugungen bekannte Außenminister des Moskauer Patriarchen, Metropolit Hilarion, machte schon direkt nach der Unterzeichnung des Dokuments von Chieti unmissverständlich klar, dass die wirklich schwierigen Debatten nun erst folgen würden. In der kommenden Dialogrunde steht allerdings nicht der Primat, sondern ein anderes, ähnlich kontroverses Thema auf der Agenda: die katholischen Ostkirchen. Laut einer Mitteilung seines Amtes forderte Hilarion, dass sich die Experten sich nun mit der Geschichte des zweiten Jahrtausends befassen und damit den sogenannten Uniatismus in Angriff nehmen müssten.

Denn in der Vergangenheit hatte die katholische Kirche zuweilen eine Ökumene mit der Brechstange betrieben. Die unierten Ostkirchen wurden regelrecht als Werkzeuge einer erzwungenen Einheit missbraucht: Anstatt nur jene willkommen zu heißen, die den Weg nach Rom zurück fanden, wurden die anderen zusätzlich massiv dazu gedrängt. In der orthodoxen Welt hinterlässt dies bis heute schmerzliche Wunden und wird als "Stolperstein der othodox-katholischen Beziehungen" angesehen.

Ein "brennendes Problem" ist der Uniatismus

Hilarion zeigte sich in seinem Ausblick überzeugt, dass man in den kommenden Debatten auf "viele spaltende Themen" treffen würde, und "dass wir nicht in jedem Punkt einig werden". Als Absage an einen weiteren Dialog sollte dies jedoch nicht verstanden werden, denn der Metropolit sagte weiter: "Das Ziel unseres Dialoges ist es nicht, einfach in den Punkten einig zu werden, in denen wir ohnehin schon einig sind, sondern wir müssen auch die Punkte der Uneinigkeit erkunden." Und ein solches "brennendes Problem" sei der Uniatismus. Bereits in der Vergangenheit hatte die Dialogkommission sich mehrfach erfolglos mit dem Thema befasst.

Eine Verständigung zwischen Orthodoxen und Katholiken, sogar mit Wohlwollen und Empathie, ist möglich, wie die Dialogkommission mit ihrem Dokument von Chieti bewies. Doch die neuen Äußerungen von russischer Seite machen auch klar: Bis zu einer fundamentalen Einigung ist es noch ein langer, schwerer Weg.

Von Kilian Martin