Eine kleine Herde Schafe
Diese Tiere spielen in der Heiligen Schrift besondere Rollen

Die Tiere der Bibel

Bibel - Am Gedenktag des heiligen Franziskus wird der Welttierschutztag begangen. Schon lange hatte der Mensch eine besondere Beziehung zur Tierwelt, wie diese Zeugen aus der Heiligen Schrift beweisen.

Von Margret Nußbaum |  Bonn - 04.10.2016

Geier, Taube, Esel, Rind, Schafe, Löwen und Schlangen: Diese und andere Tiere, die in der Bibel öfter erwähnt werden, spielten für die Israeliten eine besondere Rolle. In welcher Beziehung stehen sie zu Gott und zum Menschen?

Auf Adelers Fittichen

Bei den ersten Flugversuchen junger Adler kreisen die Alttiere um das Nest und versuchen, die Jungen zum Fliegen zu bewegen. Zögert ein Jungtier, packt der Adler es und lässt es in die Tiefe fallen. Gelingt dem jungen Adler das selbständige Fliegen noch nicht, schießt der alte steil nach unten, fängt das Junge im Fallen auf und setzt es behutsam im Nest ab. Das macht er so lange, bis das Jungtier seine Flügel ausbreitet und sich selber in die Lüfte erhebt. Die Umsicht der Adler-Eltern lässt sich gut mit der Fürsorge Gottes vergleichen, die dieser den Menschen angedeihen lässt.

Sehr schön beschreibt dies eines der beliebtesten Kirchenlieder – Lobe den Herren. Darin heißt es: "... der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet". Der biblische Adler ist eigentlich ein Geier – abgeleitet vom hebräischen Wort "neser". Erst bei der Übersetzung der Bibel ins Griechische wurde ein Adler daraus. Warum? Die Griechen verehrten diesen mächtigen Vogel wegen seiner Kraft und Schnelligkeit. Der Vergleich mit Stärke drängt sich beim Propheten Jesaja  direkt auf: "Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler." (Jes 40,31)

Im Leben der Menschen der bliblischen Zeit spielte die Taube eine wichtige Rolle; etwa als Opfertier im Tempel.

Im Leben der Menschen der bliblischen Zeit spielte die Taube eine wichtige Rolle; etwa als Opfertier im Tempel.

Taube: Bote und Geist-Symbol

Bei der Taufe im Jordan schwebt der Geist Gottes auf Jesus herab wie eine Taube. Dieses Tier, auch heute noch Sinnbild des Heiligen Geistes und Zeichen der Friedensbewegung, spielt in biblischen Erzählungen auch als Opfertier eine Rolle. Tauben waren nämlich die einzigen Vögel, die geopfert werden durften - oft von den Armen, die sich ein größeres Tier, etwa ein Kalb oder ein Lamm, nicht leisten konnten. Tauben dienten unter anderen als Reinigungsopfer nach der Geburt eines Kindes.

Als Maria und Josef den neu geborenen Jesus in den Tempel brachten, um ihr Kind Gott zu weihen, opferten sie, wie es üblich war, "ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben". So erzählt es Lukas im zweiten Kapitel seines Evangeliums im Vers 24. Tauben übernehmen oft auch die Rolle von Boten. Noah schickt eine Taube aus, und diese kommt mit einem Zweig im Schnabel zurück. Sie verkündet so das Ende der Sintflut.

Die wichtigsten Arbeitstiere

Esel und Rind: die wichtigsten Arbeitstiere im alten Israel. Sie zogen den Pflug über den Ackerboden. Rinder wurden selten geschlachtet. Nur zu besonderen Anlässen kam ein Mastkalb auf den Tisch – wie bei Abraham und Sara, die ein Kalb schlachten und für den verkleideten Jahwe und seine beiden Begleiter zubereiten ließen. (Gen 18,7) Ein besonders anschauliches Beispiel ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn: Ein Vater ist über die Rückkehr seines lange vermissten und endlich heimgekehrten Sohnes so erfreut, dass er an diesem Ehrentag ein Mastkalb schlachten lässt (Lk 15,23).

Der Esel diente über seine Funktion als Arbeitstier hinaus auch als Reittier edler Herren. Eine der bekanntesten Erzählungen des Neuen Testaments beschreibt den Einzug Jesu in Jerusalem auf dem Rücken eines Esels. In der Geschichte vom Propheten Bileam spielt dieses Tier sogar die Hauptrolle: Der Prophet reitet auf einer Eselin, als ihm ein Engel Gottes den Weg versperrt. Bileam nimmt ihn nicht wahr – im Gegensatz zu seinem Tier. Dieses versucht nämlich, dem Engel dreimal auszuweichen. Aufgebracht über das vermeintlich störrische Verhalten seiner Eselin schlägt Bileam auf sie ein. Da beginnt diese plötzlich zu reden, und Bileam erkennt den Boten Gottes.

Hintergrund: Welttierschutztag

Am 4. Oktober, dem Gedenktag des Heiligen Franziskus von Assisi, ist Welttierschutztag. Dieser internationale Aktionstag soll auf das Leid der Tiere aufmerksam machen, das durch den Menschen verursacht wird.

Der gute Hirte und seine Schafe

Schafe waren neben den Ziegen die wichtigsten Herdentiere. Milch, Wolle und Fleisch der Schafe bildeten die Hauptlebensgrundlage der ländlichen Bevölkerung. Schaf- und Ziegenhäute dienten zur Herstellung von Zeltplanen und Bekleidung. Hirten bewahrten die Herde vor wilden Tieren oder vor dem Absturz in tiefe Schluchten. Sie führten sie zu Futterplätzen, kümmerten sich um kranke und trächtige Tiere. Der Hirte genoss in Israel großes Ansehen und steht symbolisch für Aufopferungsbereitschaft.

Jesus bezeichnet sich als "guter Hirte, der sein Leben für seine Schafe hingibt" (Joh 10,1). Schafe waren darüber hinaus beliebte Opfertiere. Für das Paschamahl der Juden war ein einjähriges und fehlerloses männliches Lamm vorgeschrieben. Bei Jesaja heißt es: "Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf." (Jesaja 53,7) Von Johannes, dem Täufer, stammen die Worte, die Priester auch heute noch beim Brotbrechen sprechen: "Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt" (Joh 1,29). Mit den Schafen als Inbegriff der Gewaltlosigkeit konnten sich auch die Jünger und Jüngerinnen identifizieren, die sich in der Welt wie Lämmer unter Wölfen vorkamen.

Rettung aus der Löwengrube

Über Löwen lässt sich einiges in der Bibel finden. Im alten Israel waren sie gefürchtete Raubtiere. Wer über Land reiste, lief Gefahr, von einem Löwen angefallen zu werden. Eine große Gefahr stellten die Raubtiere für Schafe und Ziegen dar. Hirten lebten immer in der Angst, dass ein Löwe Herdentiere reißen könnte. Solche negativen Erfahrungen kommen auch in den Psalmen zum Ausdruck. In einem Klagelied Davids bittet der Psalmenbeter Gott um Errettung, "damit mir niemand wie ein Löwe das Leben raubt, mich zerreißt und keiner ist da, er mich rettet"(Psalm 7,3). Oder: "Rette mich vor dem Rachen des Löwen" (Psalm 22,22) Und es grenzt schon an ein Wunder, wenn jemand wie Daniel aus der Löwengrube gerettet wird (Daniel 6,2-29).

In der Sündenfallgeschichte ist es die Schlange, die dem Menschen rät, sich von Gott abzuwenden.

In der Sündenfallgeschichte ist es die Schlange, die dem Menschen rät, sich von Gott abzuwenden.

Die zwei Seiten der Schlange

Ein weiteres Unheil bringendes Tier ist die Schlange – oft sinnbildlich als Gegenmacht zu Gott verstanden. Dies wird vor allem in der Geschichte vom Sündenfall deutlich (Gen 3). Die Schlange rät den Menschen, sich von Gottes Gebot abzuwenden. Im krassen Gegensatz dazu ist die Weissagung des Propheten Jesaja zu verstehen, der das Reich des Messias ankündigt und als Beispiel für eine veränderte, bessere Welt, die Schlange heranzieht: "Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange" (Jes 11,8).

Von Margret Nußbaum

Literaturhinweis

Silvia Schroer: Tiere in der Bibel, Verlag Herder, Freiburg, 160 Seiten, gebunden, 14,99 Euro