Demonstranten stürmen das Parlament von Venezuela
Vatikan soll politischen Streit in Venezuela schlichten

Auf Vermittlungsmission

Venezuela steckt in der Krise, Opposition und Regierung beschuldigen sich gegenseitig. Jetzt soll der Vatikan vermitteln. Wann und wo Gespräche stattfinden können, ist unklar - doch die Zeit drängt.

Von Tobias Käufer (KNA) |  Caracas - 25.10.2016

Eigentlich war schon alles vorbereitet für eine Vermittlungsmission des Heiligen Stuhls. Die Venezolanische Bischofskonferenz bestätigte zuletzt, dass im Vatikan entsprechende formelle Einladungen der zerstrittenen sozialistischen Regierung von Präsident Nicolas Maduro und der bürgerlich-konservativen Opposition eingegangen seien. Die Grundlage für eine Moderation sei damit gegeben, hieß es in der vergangenen Woche aus dem Vatikan. Seitdem ist offenbar Bewegung in die Mission gekommen.

Diosdado Cabello, die Nummer zwei der regierenden Sozialisten und ehemaliger Parlamentspräsident, überraschte am Wochenende allerdings nicht nur die venezolanischen Medien mit der Ankündigung, dass die Ankunft eines Gesandten unmittelbar bevorstehe. Auch der von Papst Franziskus jüngst zum Kardinal berufene Erzbischof von Merida, Baltazar Porras, zeigte sich erstaunt: "Ich weiß nicht, ob es derzeit die richtigen Begleitumstände dafür gibt", sagte Porras der Zeitung "El Universo".

Mehr als notwendig

Wenig später meldete auch die der Opposition nahestehende Zeitung "El Nacional" unter Berufung auf Quellen in der Päpstlichen Nuntiatur, dass der Vatikan einen argentinischen Gesandten nach Caracas geschickt habe, der Gespräche aufnehmen solle. Und am Sonntagabend bestätigte Parlamentspräsident Henry Ramos Allup vom Oppositionsbündnis MUD, dass er eine Einladung des Repräsentanten des Vatikan in Venezuela annehmen werde.

Eine Vermittlungsmission scheint nach den turbulenten Ereignissen der vergangenen Tage mehr als notwendig: Zunächst stoppte die staatliche Wahlbehörde CNE die Vorbereitungen für das in der Verfassung vorgesehene Abwahlreferendum gegen Maduro, mit dem die bürgerlich- konservative Opposition Neuwahlen erzwingen will. Wenig später flatterte führenden Oppositionspolitikern ein Ausreiseverbot in den Briefkasten.

Das Parlament, in dem die Opposition seit Dezember 2015 eine Mehrheit hat, reagierte am Sonntag in einer turbulenten Sitzung mit einer eigenen Resolution. Sie warf der Regierung einen "Zusammenbruch der Verfassungsordnung" vor und rief das Volk zur Verteidigung der Verfassung auf. Zwischendurch drangen Sympathisanten der Regierung in das Parlamentsgebäude ein und unterbrachen die Sitzung mit Sprechchören.

Parteiische Bischofskonferenz?

Unterdessen machte Diosdado Cabello klar, dass die Regierung nur eine Vermittlung des Vatikan, aber keinesfalls der Venezolanischen Bischofskonferenz akzeptieren werde: Sie müsse einen Platz in der Delegation der Opposition einnehmen, weil sie sich wie eine politische Partei verhalten habe.

Zuletzt hatte vor allem Caracas' Erzbischof, Kardinal Jorge Urosa, Menschenrechtsverletzungen der Regierung kritisiert und auf eine schnelle Umsetzung des Abwahlreferendums gedrängt. Nur dies sei ein demokratischer und pazifistischer Weg aus der Krise, betonte Urosa und warf der staatlichen Wahlbehörde ein "absurdes und verfassungswidriges" Verhalten vor.

Vertretern der Opposition warf Cabello vor, gezielt die Stabilität des Staates untergraben und damit den Sturz des Präsidenten herbeiführen zu wollen.

Aufruf zur Besonnenheit

Zuvor hatte der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Erzbischof Diego Padron, alle Beteiligten zu Besonnenheit aufgerufen. "Gewalt erzeugt nur noch mehr Gewalt", beschwor Padron seine Landsleute im Sender Union Radio, in der aufgeheizten Atmosphäre die Nerven zu behalten.

Padron kritisierte allerdings die Entscheidung des Wahlrates: "Das Volk hat einen schweren Schlag hinnehmen müssen." Trotzdem dürften die Venezolaner jetzt die Hoffnung nicht aufgeben. Es gelte, die Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden.

Unterdessen bringt die "New York Times" einen ganz neuen, möglichen Vermittler ins Spiel: Der Venezolaner Arturo Sosa Abascal (67), seit einigen Tagen der neue Generalobere der Jesuiten, könne in diese Rolle schlüpfen, hieß es. Er hatte jüngst beide Seiten scharf kritisiert. Weder die Regierung noch die Opposition hätten einen überzeugenden Plan, um einen Weg aus der Krise zu finden.

Von Tobias Käufer (KNA)

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