Bauarbeiter auf einer Baustelle für die Olympischen Spiele in Sotschi.
Menschenrechtler beklagen Ausbeutung auf Olympia-Baustellen in Sotschi

Schuften für Putins Traum

Olympia - Nicht, dass Sotschi keinen Trubel gewohnt sei: Die 340.000-Einwohner-Stadt am Schwarzen Meer gilt als einer der beliebtesten Bade- und Kurorte Russlands und beherbergt pro Jahr etwa vier Millionen Urlauber. Doch wenn im Februar kommenden Jahres die Olympischen Winterspiele in Sotschi stattfinden, ist die Situation eine andere: Dann steht nicht nur das Image der Touristenhochburg auf dem Spiel. Ganz Russland wird dann besonders kritisch beäugt werden.

Bonn - 04.11.2013

Der Druck bei den Verantwortlichen, die Winterspiele von Vancouver 2010 zu übertreffen, ist immens hoch. Vor allem Russlands Präsident Wladimir Putin, der in Sotschi eine Ferienvilla besitzen soll, möchte die Spiele mit allen Mitteln zum Erfolg führen. Damit will der international umstrittene Präsident auch Russlands neu gewonnene Stärke unter Beweis stellen. Zudem muss in Sachen Image vorgearbeitet werden – denn in Sotschi finden nicht nur die Olympischen Winterspiele statt, von 2014 bis 2020 soll hier auch jeweils ein Grand-Prix-Rennen der Formel 1 stattfinden. Außerdem ist die Stadt einer der Austragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaft 2018.

Doch ein Problem hat Sotschi: Die fehlende Infrastruktur. Zur Zeit der Vergabe der Winterspiele im Juli 2007 verfügte die Touristenhochburg noch über kein einziges olympiataugliches Stadion. Also begannen schon bald darauf die Arbeiten an neuen Spielstätten. Auch Hotels für die erwarteten Besucher aus aller Welt wurden in Windeseile hochgezogen, sogar einen neuen Hafen hat man gebaut. Die Gesamtkosten belaufen sich auf geschätzte 50 Milliarden Dollar.

Opfer dieser Bauwut ist nicht nur die Natur – für die Spiele werden große Flächen Natur unwiderruflich zerstört –, es dringen vor allem die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter an die Oberfläche. Geschätzt 50.000 dieser Gastarbeiter, meist aus zentralasiatischen Ländern wie Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan oder Kirgisien, wurden für das Projekt Winterspiele ins Land geholt. Sie arbeiten für einen Hungerlohn von umgerechnet zwei Euro pro Stunde oder weniger, Tag und Nacht.

Gouverneur droht Arbeitsmigranten

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch enthüllte in Interviews mit den Arbeitskräften, dass diese regelmäßig unbezahlte Überstunden leisten müssen, teilweise monatelang auf ihren Lohn warten müssen, mit bis zu 200 Personen in einem Einfamilienhaus untergebracht werden und praktisch rechtelos sind – vielen wurde zu Arbeitsbeginn der Pass abgenommen, es ist von sogar von Migranten die Rede, die völlig ohne Vertrag arbeiten.

Für Staatsbedienstete hat die Beschäftigung dieser Arbeiter mehrere Vorteile. Zum einen, so munkelt man, verdienten sich erstere mit den ausländischen Arbeitskräften große Extrasummen, zum anderen erhöhe es den Druck auf die einheimische Bevölkerung, die nun selbst in Zugzwang stehe, für weniger Geld ihre Dienste anbieten zu müssen. Nicht zuletzt lasse sich durch das Einstellen vor allem von zentralasiatischen Arbeitskräften das patriotische Nationalgefühl schüren – viele der Gastarbeiter sehen sich rassistischen Schmähungen der Bevölkerung gegenüber.

Bauarbeiter aus Zentralasien auf einer Baustelle für die Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Sotschi.

Bauarbeiter aus Zentralasien auf einer Baustelle für die Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Sotschi.

Nun, rund drei Monate vor Beginn der Winterspiele, sind die Arbeiten zwar noch nicht vollständig abgeschlossen. Dennoch versuchen die Behörden schon jetzt, sich der ausländischen Arbeitskräfte zu entledigen, die bei Wind und Wetter in Sotschi geschuftet haben. Pünktlich zu den Spielen möchte man das Stadtbild nicht verschandeln.

Alexander Tkatschow, Gouverneur der südrussischen Region Krasnodar, zu der auch Sotschi gehört, machte kürzlich bei einer Rede keinen Hehl daraus, welche Absichten die Behörden verfolgen: "Von heute an gehen 60 mobile Gruppen auf Streifzüge durch Sotschi. Alle illegalen Migranten müssen nach Hause geschickt werden. Und das unverzüglich. In zwei Monaten darf kein Illegaler mehr hier sein. Die Brigaden werden auf den Straßen patrouillieren, sie säubern, werden an jede Tür klopfen, in jede öffentliche Einrichtung gehen. Und noch einmal fordere ich: keine Gnade, es darf uns nichts durchgehen."

Berichte über "Säuberungsaktionen"

Die Forderungen Tkatschows wurden bereits kurz danach umgesetzt. Bei der Menschenrechtsorganisation Memorial, deren Büro sich nur wenige hundert Meter vom neugebauten Olympiapark entfernt, gehen seither täglich Anrufe ein, die von den "Säuberungsaktionen" der Behörden berichten: Polizisten, Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB und Kosaken durchsuchen sämtliche Wohnräume Sotschis nach Gastarbeitern. Die Arbeitskräfte werden zusammengetrieben, festgenommen und unter freiem Himmel, in Zelten oder auf Polizeistationen festgehalten. Dann werde seitens der Behörden ein Vorwand gesucht, um die Arbeiter auszuweisen. 15 Menschen werden nach Angaben von Memorial pro Tag abgeschoben.

Wie Memorial bemüht sich auch Human Rights Watch weiterhin um die Rechte der Gastarbeiter. Man wünsche sich von Thomas Bach , dem neuen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, "eine klare Stellungnahme", dass dieser sich "klar positioniert, dass die Migranten anständig behandelt werden". Hildegard Hagemann von der Deutschen Kommission Justitia et Pax sieht das ähnlich. "Es kommt auf Auftraggeber und Arbeitnehmer an, in diesem Falle das Olympische Komitee, das seinen Einfluss ausüben muss." Hagemann bemängelt, dass insbesondere die Rechte von Wanderarbeitern zunehmend von einer sogenannten 'Kleenex'-Mentalität - gebrauchen und wegwerfen - bedroht seien. Besonders deutlich werde dies bei den Bauarbeiten für sportliche Großveranstaltungen wie jetzt in Sotschi.

Kürzlich nähte sich ein russischer Arbeiter aus Protest gegen die Ausbeutung der Tagelöhner den Mund zu und postierte sich mit einem Plakat vor dem internationalen Pressezentrum in Sotschi. Eine radikale Aktion, die fast überall Gehör fand – außer in der 340.000-Einwohner-Stadt selbst. Dort tut man eben alles, um sich pünktlich zu den Olympischen Spielen von seiner modernsten Seite zu zeigen. Frei nach dem Motto: The show must go on.

Von Martin Henning