Thomas Seiterich über Hoffnung an Krisenorten

Adventslicht in Molenbeek

Aktualisiert am 28.11.2016  –  Lesedauer: 
Standpunkt

Bonn ‐ Thomas Seiterich über Hoffnung an Krisenorten

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Kaum ein Stadtviertel in Westeuropa gilt als so abgestürzt wie der Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Dort hatten die islamistischen Attentäter von Paris eine Basis. Und dort, im ehemaligen, verarmten Arbeiterquartier waren die Bombenattentäter von Brüssel zu Hause. Ich schreibe den ersten Standpunkt im Advent 2016 in Molenbeek. Ich habe den Gottesdienst in der Pfarrkirche Saint Jean mitgefeiert. Die afrikanischen Sängerinnen plus Combo haben gesungen und getrommelt, in Tracht. Die "Mamans Apostoliques" - die "Apostolischen Mütter" -, also Afrikanerinnen und Belgierinnen mittleren Alters, machten den Großteil der überschaubaren Gottesdienstgemeinde aus. Zwei afrikanische Spiritaner-Patres, Aurélien Saniko und Jean-Jacques Kasanda, leiten die Mini-Pfarrei - 5 Prozent Katholiken, 95 Prozent Muslime leben im Quartier. Im Pfarrhaus neben dem 56 Meter hohen Kirchturm der imposanten Art-Déco-Kirche wohnen Flüchtlinge bei den beiden Priestern.

Klein ist die Pfarrei Saint Jean, umgeben von 26 Moscheegemeinden. "Wir engagieren uns für gute Nachbarschaft", sagt Pfarrer Saniko. Der Priester ist auf YouTube ein Star, weil er selbstgedichtete und selbst gesungene Kirchensongs in afrikanischen Sprachen postet. "Wir lassen uns nicht hängen." Dafür ist das Plakat "Nous sommes 1080" ein Zeichen. "Wir sind 1080", das spielt auf die Postleitzahl von Molenbeek an und bedeutet: Wir sind Mitmenschen, keine Terrorsympathisanten.

Letzte Woche haben die Muslime und Christen in Brüssel eine Dialogwoche abgehalten. Die Apostolischen Mütter waren vorneweg mit dabei. Und dann war der große Kerzen-Event: Hunderte Bürger von Molenbeek bekannten ihren Willen zu Gewaltfreiheit auf dem Platz im Quartier. Unterstützt wurde diese Demo von der Pfarrei Saint Jean, von Moscheegemeinden und vom örtlichen Fußballclub, der Belgien-weit bekannt ist für seine integrierende Jugendarbeit. In großer Not wächst das Rettende auch, sagt Hölderlin. Pfarreien wie Saint Jean in Molenbeek und viele Gemeinden an anderen Krisenorten der Erde bringen durch ihre Menschen Licht in vielerlei Dunkelheit.

Von Thomas Seiterich

Der Autor

Thomas Seiterich ist Redakteur der Zeitschrift "Publik-Forum".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.