Ein DNA-Strang.
Neue gentechnische Methode Crispr elektrisiert die Wissenschaft

Bastelei am menschlichen Genom

Es klingt vielversprechend: Künftig könnte eine neue wissenschaftliche Methode wie eine präzise schneidende Gen-Schere das Erbgut verändern - und Krankheiten ausmerzen. Doch "Crispr" bringt auch unkalkuierbare Risiken mit sich.

Von Christoph Arens (KNA) |  Bonn - 03.01.2017

Die Rede ist von einer Revolution. Von einer gentechnischen Methode, die "sich anschickt, unsere Lebenswelt radikal zu verändern", wie der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, gerade in Januar-Ausgabe des Magazins "Forschung und Lehre" schreibt. Damit verbunden seien "unerwartete Chancen" und "kaum kalkulierbare Risiken".

Präzise schneidende Gen-Schere

Es geht um Crispr/Cas9. Bislang galten gezielte Eingriffe ins menschliche Erbgut als technisch schwer machbar. Doch künftig könnte eine präzise schneidende Gen-Schere das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen verändern - einfach, billig und hoch effizient. Aids, Krebs und Zika-Virus könnten besiegt und neue Pflanzen- und Tierarten geschaffen werden.

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Die Debatte über Eingriffe in die menschliche Keimbahn flammt wieder auf. Weil britische Wissenschaftler künftig für die Forschung Erbgut von Embryonen verändern dürfen, werden in Deutschland Proteste laut. Die Kirche spricht von einem Tabubruch.

Crispr, schon 2012 entwickelt, hat 2016 seinen Durchbruch gefeiert. Hunderte wissenschaftliche Artikel sind erschienen. Es zeichne sich "ein exponentieller Anstieg neuer Forschungsstrategien und - ergebnisse ab", so Dabrock. Die Erfinderinnen, die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier vom Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und die US-Biochemikerin Jennifer Doudna aus Berkeley gelten als Kandidatinnen für den Nobelpreis, auch wenn sie derzeit vor einem US-Gericht mit dem in Harvard lehrenden chinesischen Wissenschafter Feng Zhang streiten, wem der Ruhm der Erfindung zukommt.

Crispr elektrisiert die Wissenschaft. Erwartet wird ein Bericht hochrangiger Forscher in den USA, die einen Leitfaden für die Anwendung der Methode bei Menschen vorlegen wollen. Auch die EU muss sich damit befassen. Denn heiß umstritten ist die Frage, ob mit der Methode manipulierte Pflanzen und daraus produzierte Lebensmittel als gentechnisch verändert bezeichnet werden müssen. Anders als bei bisheriger Gentechnik bleibt kein artfremdes Erbgut in den Pflanzen zurück. Die neue Sorte ist von durch natürliche Züchtung entstandenen Pflanzen nicht zu unterscheiden.

Crispr wird immer wieder mit einer "Hochpräzisions-Schere" verglichen. Gene oder kleinste DNA-Bausteine können mit Hilfe zelleigener Enzyme eingefügt, verändert oder ausgeschaltet werden - vergleichbar mit der Funktion "Suche - Ersetze" im Computer.

Eingriff in menschliche Keimbahn?

Weltweit arbeiten Forscher daran, damit Nutzpflanzen robuster oder ertragreicher zu machen. Viel brisanter sind die geplanten Veränderungen menschlicher Gene. Die Wissenschaftler träumen von neuen Heilungsmöglichkeiten. Im Labor konnten sie bereits Chorea Huntington und Mukoviszidose heilen. Doch noch ist unklar, wie häufig bei Crispr fehlerhafte Schnitte auftreten und wie weit die Funktion von Genabschnitten richtig verstanden ist.

Am heikelsten sind gentechnische Veränderungen der menschlichen Keimbahn. Solche Eingriffe seien nicht rückgängig zu machen und prägten alle künftigen Generationen, warnt Dabrock. Auch die Molekularbiologin Doudna ist sich der Brisanz bewusst. Sie organisierte 2015 einen Ethik-Gipfel in den USA. Ergebnis: eine freiwillige Selbstbeschränkung der Wissenschaft. Grundlagenforschung soll vorangetrieben, die Keimbahn-Therapie aber - zumindest für mehrere Jahre - geächtet werden. "Wir wollen garantieren können, dass die Technologie sicher ist", betont sie.

Es wird durchaus noch einige Jahre dauern, bis wir wirklich so weit sind, gewisse Krankheiten direkt zu bekämpfen.

Zitat: Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier

Ihre Kollegin Charpentier sieht das ähnlich. "Es wird durchaus noch einige Jahre dauern, bis wir wirklich so weit sind, gewisse Krankheiten direkt zu bekämpfen", sagte sie Ende Dezember im DeutschlandRadio Kultur. Mit Blick auf Utopien der Menschenzüchtung erklärte sie: "Derzeit ist das wirklich nur eine Technologie, die monogenetische Krankheiten heilen kann." Weitreichende gezielte Manipulationen seien noch lange nicht denkbar.

Technologie wird schon am Menschen eingesetzt

Fest steht, dass es schon konkrete Eingriffe am Menschen gibt. Wie das Fachmagazin "Nature" im November berichtete, haben chinesische Wissenschaftler einem Lungenkrebs-Patienten mit Crispr veränderte Immunzellen gespritzt. Auch US-Wissenschaftler haben die Erlaubnis der Behörden, in diesen Frühjahr Crispr zu Therapiezwecken einzusetzen. Europa ist da noch vorsichtig: Im Februar 2016 erlaubte die britische Behörde HFEA erstmals einer Forschergruppe, gezielt Gene menschlicher Embryonen im Frühstadium zu verändern. Die Embryonen dürfen allerdings keiner Frau eingepflanzt werden.

Von Christoph Arens (KNA)