Der Esstisch als Ort des Glaubens
Wie ein kleines Ritual den Zusammenhalt in der Familie stärkt

Der Esstisch als Ort des Glaubens

Gebete - Der Stress im Alltag nimmt zu. Zeiten des Beisammenseins werden immer seltener - auch am Esstisch. Dabei bieten gemeinsame Mahlzeiten viel Potenzial. Für den Zusammenhalt, die Gesundheit und den Glauben.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 12.01.2017

Die deutsche Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Wer zuerst kommt, malt zuerst. Und den Letzten beißen die Hunde. Allein die Vielzahl deutscher Sprichwörter zeigt, dass Schnelligkeit und Effektivität wichtige Tugenden sind. Das führt zu Stress im Alltag des Einzelnen, aber auch in den Familien. Unterschiedliche Lern- und Arbeitszeiten sowie eine Vielzahl an privaten Beschäftigungsmöglichkeiten sorgen dafür, dass Zeiten der Ruhe und des Beisammenseins der Familienmitglieder immer seltener werden - auch am Esstisch.

Dabei bieten die gemeinsamen Mahlzeiten großes Potenzial. Sie sind nicht nur die Urform des Beisammenseins. Das gemeinsame Essen sorgt für Entschleunigung. Studien belegen darüber hinaus, dass die Mahlzeiten mit den Eltern das körperliche und seelische Wohl des Nachwuchses erhöht. Wissenschaftler der Universität Minnesota stellten etwa fest, dass Kinder ein höheres Risiko für Übergewicht haben, je seltener sie gemeinsam mit ihren Eltern essen.

Bei chaotischen Abläufen das Familienleben planen

"Gemeinsame Mahlzeiten sind sehr wichtig für den Zusammenhalt der Familie", sagt auch Ulrich Hoffmann. Er ist Familienseelsorger im Bistum Augsburg und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF). Wer zusammen esse, zeige demjenigen, der gekocht hat, seine Wertschätzung. Gerade Menschen, die viel um die Ohren haben, rät Hoffmann, ihr Familienleben zu planen. Bei besonders chaotischen Abläufen - etwa durch Schichtdienste - zeige auch ein einziges gemeinsames Essen pro Woche große Wirkung, ist er überzeugt.

Bild: © Privat

Ulrich Hoffmann ist Ehe- und Familienseelsorger im Bistum Augsburg und dort für die Dekanate Neu-Ulm und Günzburg zuständig. Außerdem ist der Vorsitzender des Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF).

Und der Esstisch kann noch mehr. Zum Beispiel ein Ort für niederschwellige Katechese sein. "Ein einfaches Tischgebet reicht, damit aus der Wertschätzung für den anderen auch eine Wertschätzung Gottes wird", sagt Hoffmann. Gott gemeinsam für die Speisen, aber auch für die Geborgenheit der Familie zu danken, könne so manches therapeutische Gespräch ersetzen, weiß der Seelsorger. Das Tischgebet sei ein Ankerpunkt für die gesamte Familie.

Das Tischgebet ist dabei alles andere als eine neue Erfindung. Die Juden beten es seit mindestens 2.500 Jahren und berufen sich dabei auf die Tora. "Wenn du dort isst und satt wirst und den Herrn, deinen Gott, für das prächtige Land, das er dir gegeben hat, preist...", heißt es an entsprechender Stelle (Dtn 8,10). Das jüdische Tischgebet besteht im Wesentlichen aus vier Segenssprüchen, in denen Gott gedankt und um Erlösung des Volkes Israel gebeten wird.

Die Geschichte des Tischgebets

"Das christliche Tischgebet ist aus dem jüdischen entstanden und war lange Zeit wie dieses ein Lobpreis auf Gott, den Geber aller Gaben", sagt der Würzburger Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs. Erst im Laufe der Zeit habe es sich zugunsten einer direkten Segnung der Gaben verändert. "Segne uns und diese deine Gaben, die wir von deiner Güte nun empfangen werden", zitiert Fuchs ein kurzes traditionelles Tischgebet.

Im Mittelalter entstand dann vor allem in Klöstern ein Gefüge von Gebeten und Ritualen, das zur eigenen Liturgie wurde, der "Benedictio mensae". Parallel dazu sprach man im "Volk" aber auch einfache Gebete oder betete - "nonverbal" - allein durch das Kreuzzeichen. "In der Reformation ermunterte Martin Luther die Väter, das Tischgebet durch die Kinder sprechen zu lassen", sagt Fuchs. So sei es auch zu gereimten Gebeten und Versen gekommen. Heute gebe es eine Vielzahl an Gebetbüchern und Hilfen wie den Gebetswürfel. Das sei oft "Ausdruck einer Hilflosigkeit gegenüber dem Gebet im Alltag", so der Autor des Buches "Mahlkultur - Tischgebet und Tischritual".

Guido Fuchs ist Liturgiewissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher.

Für einen Theologen eine außergewöhnliche Ehrung: 2016 erhielt der Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs den Wissenschaftspreis für Kulinaristik. Unter anderem schrieb er ein Buch mit dem Titel "Gott und Gaumen - Eine kleine Theologie des Essens".

Aus kirchlicher Perspektive hat das Tischgebet mehrfache Bedeutung: Es ist jeden Tag ein Aufblicken zu Gott. Es ist ein täglicher "Erntedank", da nichts, auch nicht die tägliche Mahlzeit, selbstverständlich ist. Und es verbindet den Alltag mit der Liturgie der Kirche – vor allem dann, wenn man gelegentlich Texte oder Lieder der Liturgie mitaufnimmt. Das klassische Tischgebet enthält ähnlich wie der Lobpreis in den biblischen Psalmen die drei Aspekte Lob, Bitte und Dank/Segen. Gut nachvollziehen lässt sich das zum Beispiel anhand dieses Gebets: O Gott, von dem wir alles haben, wir preisen dich für deine Gaben. Du speisest uns, weil du uns liebst; o segne auch, was du uns gibst.

Das Tischgebet als kurzes Innehalten

"Man kann das Tischgebet aber auch, unabhängig von jeder Form, frei sprechen und in den Dank auch anderes einfließen lassen, etwa bei besonderen Anlässen wie Hochzeiten", sagt Fuchs. Denn es beinhalte mehr als die klassischen Komponenten Dank und Segen. Für den Theologen ist es ein kurzes Innehalten, ein Sich-Bewusst-Werden und Ausdruck einer Mahl-Gemeinschaft. Der Religionspädagoge Hoffmann sieht das ähnlich. "Bei einem Tischgebet darf an auch einfach einmal darauf losplappern", sagt er. Oder einfach das Gegenteil tun. Nämlich sich im stillen Gebet an den Händen halten und an die denken, die es nicht so gut haben, wie man selbst.

Hoffmann weiß, dass das Gebet in vielen Familien nicht mehr zum Alltag gehört. Er sagt aber auch, dass man "gerade bei Kindern die Kraft des Rituals nicht unterschätzen sollte". Wer gemeinsam esse und auch noch ein Tischgebet spreche, der nähre nicht nur den Leib, sondern auch die Seele. Das mache stark für den Alltag. "Und Geborgenheit im Letzten gibt schließlich Gelassenheit im Vorletzten", zitiert er den bekannten Theologen Romano Guardini.

Von Björn Odendahl