Den Tod vor Augen
Was Betroffene zur Debatte um Sterbehilfe sagen

Den Tod vor Augen

Klaus Arens hat Leukämie und wohl nicht mehr allzu viel Zeit. Er kämpft. Nach gut zwei Jahren Chemotherapie und Bestrahlung bereitet er sich wieder einmal auf mehrere Wochen in Klinik und Reha vor. "Es geht mir schlecht, mein Gesundheitszustand ist schwer angegriffen, auch durch die heftigen Nebenwirkungen", sagt der 82-Jährige. "Von den weiteren Befunden hängt ab, ob ich die Therapie fortsetze."

Düsseldorf - 27.01.2014

Klaus Arens will leben. Wenn sich aber ein qualvolles, unwürdiges Ende abzeichnet, möchte er seinem Leben ein Ende setzen. Daheim, im Kreise seiner Lieben, mit einem Medikament, das ihn einschlafen lässt. Er hätte gerne einen Arzt dabei, glaubt aber wegen der derzeitigen Rechtslage nicht, dass dieser Wunsch erfüllt wird.

Über Sterbehilfe wird viel diskutiert. Eine Gesetzesreform steht an. Im Bundestag ist eine schwierige Ethikdebatte zu erwarten. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen. Aktive Sterbehilfe - Tötung auf Verlangen - ist in Deutschland verboten. Beihilfe zum Suizid - etwa das Überlassen eines tödlichen Medikaments - ist straffrei. Viele bemängeln rechtliche Unklarheiten und eine unhaltbare Grauzone für Ärzte. Nach dem 2011 vom Ärztetag verschärften Berufsrecht ist es Medizinern verboten, beim Suizid zu assistieren. Kritiker sagen, das treibe Ärzte in die Heimlichkeit.

Der krebskranke Klaus Arens, der selbst als Allgemeinmediziner praktizierte, hat viel über das Sterben nachgedacht: "Wenn ich in die Situation komme, dass ich grundsätzlich auf fremde Hilfe angewiesen bin, auf die Toilette gesetzt und gewaschen werden muss, dann ist das mit meiner Auffassung von Menschenwürde unvereinbar. Dann möchte ich mein Leben beenden und dabei medizinische Betreuung beanspruchen dürfen." Der Düsseldorfer ist überzeugt: "Es gehört zur ärztlichen Aufgabe, einem Patienten zu helfen, wenn er in einer aussichtslosen Situation mit seinem Leben abschließen möchte. Eine Selbsttötung ohne Mediziner kann zu schauerlichen Komplikationen führen."

Gabriella Albrecht: "Ich habe akzeptiert, dass ich sterben werde"

Die schwerkranke Gabriella Albrecht hat Verständnis für den Wunsch nach Sterbehilfe. "Für mich ist das aber nie infrage gekommen", sagt die 78-Jährige, die in einem Caritas-Hospiz in Düsseldorf lebt. "Ich habe akzeptiert, dass ich sterben werde. Wenn es Zeit ist zu gehen, dann ist das eben so. Ich selbst habe darüber nicht zu bestimmen." Vor sechs Monaten hat sie die Diagnose bekommen: Brustkrebs im Endstadium. "Ich hatte mich lange selbst gar nicht beachtet, weil mich die Pflege meines schwer kranken Sohnes so gefordert hat. Dann sagte mir der Arzt im Sommer, ich hätte noch zwei Monate zu leben."

Eine junge Hand hält eine alte Hand fest.

Trost geben, da sein.

Die 78-Jährige kaufte sich ein Grab und bemühte sich um einen Platz im Hospiz , in der Nähe ihres Sohnes. "Ich wollte keine Therapie, keine OP, denn mein Mann hatte das alles vor Jahren gemacht und ist doch gestorben", sagt die zierliche Dame. "Ich werde hier schön umsorgt, es ist immer jemand für mich da, auch wenn ich ganz traurig bin. Man braucht hier keine Angst zu haben. Ich war noch nie in der Situation, dass ich gedacht habe, dass ich verrückt werde vor Schmerzen. Es geht mir gut." Wenn nicht die Sorge um den todkranken Sohn wäre.

"Sicherheit und Geborgenheit" sind die Gründe, warum Sterbenskranke ins Hospiz kommen, sagt Leiter Franz-Josef Conrads. "Wir versuchen, ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Mit Lachen und Weinen." Und: "Viele ringen um jede Minute. Auch ein 92-Jähriger sagt nicht gerne 'Auf Wiedersehen'." Einen ernsthaften Suizid-Wunsch habe noch niemand geäußert, sagt Conrads. "Es wirkt lebensverlängernd, wenn man gut versorgt ist, nicht allein, nicht voller Angst und Verzweiflung." Ein einziges Mal habe ein Herr anfangs eine Giftspritze verlangt, die es im Hospiz definitiv nicht gibt. "Er hatte noch einige gute Momente bei uns und ist friedlich eingeschlafen." Es müsse mehr in Zuwendung, Pflege und Palliativmedizin investiert werden.

Kommerzielle Sterbehilfe lehnt auch die DGHS strikt ab

Wenn palliative Möglichkeiten erschöpft oder nicht mehr gewünscht sind, müsse "Straffreiheit für die ärztliche Begleitung und Ermöglichung einer selbstbestimmten und selbst eingeleiteten Lebensbeendigung eines unheilbar Leidenden" zugesichert sein, fordert die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). "Mit einem Verbotsgesetz würde nicht nur Organisationen, sondern auch Ärzten Strafe angedroht, die einem todkranken Patienten behilflich wären, sein Leben selbstbestimmt zu beenden", befürchtet Sprecherin Wega Wetzel. "Der Patient wäre dann mehr als bisher darauf angewiesen, den strapaziösen Weg in die Schweiz anzutreten zur Erlösung von seinem Leiden." Kommerzielle Sterbehilfe lehne auch die DGHS strikt ab.

"Wenn Menschen sagen, dass sie Schluss machen wollen, ist das oft kein Todeswunsch, sondern ein Hilferuf", weiß Renate Huppertz, Koordinatorin des ökumenischen Hospizes im bergischen Leichlingen. "Es ist die Angst vor einem einsamen Tod, dass sich niemand kümmert. Wir hatten Fälle, in denen Menschen durch liebevolle Begleitung neue Kräfte entwickeln konnten und nie wieder davon gesprochen haben, dass sie ihr Leben künstlich abkürzen wollen." Käme es sogar zu einer Legalisierung der aktiven Sterbehilfe, könne das ein gefährlicher Dammbruch sein.

Gabriella Albrecht wird die Reform womöglich nicht mehr erleben. Für sie ist das letztlich auch unerheblich. "Wir müssen alle mal gehen. Ich kann loslassen. Ich warte. Ich bin bereit."

Von Yuriko Wahl-Immel (dpa)

Bischöfe fordern Verbot der organisierten Suizidbeihilfe

Die deutschen Bischöfe fordern ein Verbot jeglicher organisierter Beihilfe zur Selbsttötung. Das erklärten sie beim Treffen ihres Ständigen Rats am Montag in Würzburg. Das Leben jedes Menschen – auch der hilfsbedürftigen, alten, kranken und verzweifelten – sei schützenswert. "Wir begrüßen die politischen Signale, sich dieses wichtigen Themas erneut annehmen zu wollen", heißt es in einer am Montag verbreiteten Erklärung. Der neue Gesundheitsminister, Hermann Gröhe (CDU), hatte wenige Wochen nach seinem Amtsantritt ein Gesetz zum Verbot der geschäftsmäßigen Hilfe zur Selbsttötung angeregt und damit eine breite gesellschaftliche Diskussion über Sterbehilfe ausgelöst. Hospizangebote ausweiten Gleichzeitig betonen die Bischöfe die Bedeutung einer menschenwürdigen Sterbebegleitung. Es sei wichtig, dass Alte und Kranke von ihren Verwandten oder anderen nahestehenden Personen fürsorglich begleitet würden: "Der Wunsch zu sterben entsteht oft erst in Einsamkeit und Verzweiflung", so die Bischöfe. Sie fordern daher, Hospizangebote auszuweiten und die Angebote der Palliativmedizin zu verbessern. Die Kirche sei selbst Träger zahlreicher ambulanter und stationärer Einrichtungen für Palliativ- und Hospizversorgung. Der ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz trifft sich in regelmäßigen Abständen im Kloster Himmelspforten in Würzburg und ist nach der Vollversammlung das wichtigste Organ der Deutschen Bischofskonferenz. Weiteres Thema am Montag war die Krise um den insolventen Weltbild-Konzern. (gho)