Kanzler des deutschen Zweigs zum Konflikt im Malteserorden

"Es gibt keine deutsche Seilschaft"

Aktualisiert am 27.01.2017  –  Lesedauer: 
Malteserorden

Dresden ‐ Die deutsche Assoziation des Malteserordens sieht sich nicht als Opfer einer Kampagne. Es gebe aber "Leute, die glauben, dass wir zu viel Einfluss haben", so Kanzler Stephan Freiherr Spies von Büllesheim im Interview.

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Den Konflikt innerhalb des Ordens, der sich unter anderem am Großkanzler des Malteserordens, Albrecht von Boeselager, entzündet hatte, bezeichnete von Spies als unnütz.

Frage: Herr von Spies, was bedeutet der Konflikt im Malteserorden für die konkrete Arbeit in Deutschland. Spüren Sie Verunsicherung?

Spies: Der Konflikt ist unnütz und hätte sicher anders gelöst werden können. An unserer Arbeit in Deutschland ändert sich nichts. Wir spüren aber eine gewisse Irritation. Eine kleine Zahl von Förderern des Malteser Hilfsdienstes - im zweistelligen Bereich - hat wegen des Konflikts ihren Rückzug erklärt. Die Betroffenen erhalten von uns einen Brief, in dem wir ihnen erläutern, dass die Arbeit in Deutschland nicht betroffen ist und dass wir eine schnelle Lösung erwarten.

Frage: In manchen Berichten ist von einer deutschen Seilschaft die Rede, die den Orden verändern will...

Spies: Es gibt keine "deutsche Seilschaft" in Rom, neben Herrn von Boeselager gehört nur ein weiteres Mitglied des Regierungsrates des Malteserordens der deutschen Assoziation an. Wegen seiner Größe ist die deutsche Assoziation aber nicht ganz unbedeutend für den Gesamtorden.

Frage: Gibt es eine Kampagne gegen den deutschen Zweig?

Spies: Wie überall hat das Wesen der Deutschen nicht nur Freunde. Es gibt offenbar Personen, die glauben, dass wir zu viel Einfluss haben. Eine Kampagne ist uns aber nicht bekannt, gegen was denn auch? Die Mitglieder der Gremien in Rom sind gewählt, man hätte ja andere Personen wählen können.

Frage: Zu hören ist, dass die Deutschen die Ziele des Ordens in Richtung einer Liberalisierung verändern wollten...

Spies: Wir haben solche Ziele nicht. Für die Identität des Ordens ist beides gleich wichtig: die Verteidigung des Glaubens und die Werke der Nächstenliebe.

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Der Konflikt um die Entlassung des Großkanzlers des Malteserordens wird mit harten Bandagen gekämpft. Doch wer hat das Recht auf seiner Seite? Der Papst oder der Orden?

Frage: Geht es nicht in Wirklichkeit um den kirchenpolitischen Kurs und damit um einen Angriff einer ultrakonservativen Clique gegen den Papst, wie der Präsident der deutschen Assoziation, Erich von Lobkowicz, gesagt hat?

Spies: Dazu kann ich nichts Konkretes sagen. Es geht jedenfalls nach meiner Meinung nicht um die Verteilung von Kondomen oder Fehler von Herrn von Boeselager.

Frage: Ihm wurde vorgeworfen, er habe den Einsatz von Kondomen zur Aidsverhütung in einem Programm von Malteser International in Myanmar nicht verhindert...

Spies: Es geht offenbar um unterschiedliche Interessen und Konflikte zwischen Personen. In solche Umstände sind wir aber als Deutsche Assoziation nicht involviert. Ich kann dazu nichts sagen.

Frage: Hat der deutsche Zweig des Ordens in dem Konflikt konkret beim Papst interveniert?

Spies: Seitens der Deutschen Assoziation gab es keine Intervention bei Papst Franziskus.

Bild: ©KNA

Trat vor wenigen Tagen zurück: Der bisherige Großmeister des Malteserordens, Matthew Festing (hier im Gespräch mit Papst Franziskus).

Frage: Bedeutet der Rücktritt des Großmeisters Festing, dass Großkanzler von Boeselager wieder im Amt ist?

Spies: Die Causa Boeselager ist vom Rücktritt Festings getrennt zu betrachten. Es gibt ein Gerichtsverfahren vor dem innerhalb des Ordens zuständigen Gericht. Der Papst hat Herrn von Boeselager aber in Schreiben weiterhin als Großkanzler bezeichnet - und nicht als ehemaligen Großkanzler.

Frage: Was muss sich im Orden ändern, damit ähnliche Konflikte nicht wieder entstehen?

Spies: Die ein oder andere Regel in der Verfassung könnte präzisiert werden. Etwa, wenn es um die Frage Wahl oder Ernennung bei bestimmten Ämtern geht, oder wer wen aus welchen Ämtern entlassen kann. Eigentlich sind die vorhandenen Regeln aber ausreichend. Ich setze da stark auf das Ordensgericht. Es wird nach meiner Einschätzung entscheiden, dass geltende Regeln nicht beachtet wurden. Damit sind aber die Verfahren nicht schlecht.

Frage: Unabhängig davon, wie man zum Fall Boeselager steht: Ist es für die Unabhängigkeit des Ordens gut, dass der Papst jetzt einen solchen Einfluss ausübt?

Spies: Wir sind überaus dankbar, dass der Heilige Stuhl dem Orden in dieser Verfassungskrise so schnell und sicher geholfen hat.

Frage: Ist Kardinal Raymond Leo Burke als Kardinalpatron des Malteserordens noch haltbar?

Spies: Der Papst hat ihn in dieses Amt eingesetzt. Er muss auch über das weitere Vorgehen entscheiden.

Von Christoph Arens (KNA)

Stichwort: Malteserorden

Der Malteserorden steht in der Tradition des "Ritterordens vom Hospital des heiligen Johannes zu Jerusalem", des im 11. Jahrhundert gegründeten weltweit ersten christlichen Krankenpflegeordens. Nach der Reformation trennte sich die Gemeinschaft in die katholischen Malteser und die evangelischen Johanniter. 1879 stellte Papst Leo XIII. die Großmeisterwürde des Malteserordens wieder her. 1953 wurden die Malteser als religiöser und souveräner Orden anerkannt, jedoch dem Heiligen Stuhl unterstellt. Hierarchisch handelt es sich um eine Art Wahlmonarchie; mit seinem Amt wird der Großmeister im Rang einem Kardinal gleichgestellt. Seit 1834 ist Rom Sitz der Ordensgemeinschaft, die von rund 50 Staaten und Organisationen als Völkerrechtssubjekt anerkannt wird. Rund 6.000 Quadratmeter - vor allem auf dem römischen Aventin-Hügel - sind exterritoriales Gebiet und machen den Orden zum kleinsten Staat der Welt. Er gibt eigene Briefmarken heraus, prägt Münzen und hat ein Auto-Nationalitätenkennzeichen: "SMOM". Der Malteserorden ist nach eigenen Angaben mit 13.500 Mitgliedern in mehr als 50 Ländern ständig präsent. Als eigenständiges Völkerrechtssubjekt unterhält er diplomatische Beziehungen zu derzeit 104 Staaten sowie Ständige Vertreter bei den Vereinten Nationen, der EU und weiteren internationalen Organisationen. Als seine Aufgabe nennt der Orden medizinische und soziale Projekte aus dem Geist christlicher Nächstenliebe. Der Orden verfügt über Milliardenbesitz und ist weltweit in der Entwicklungshilfe aktiv. In Deutschland gründeten der deutsche Zweig des Malteserordens und der Deutsche Caritasverband 1953 den Malteser-Hilfsdienst (MHD) als katholische Sanitäts- und Katastrophenschutz-Organisation. (KNA)