Gefängniszelle von oben
2013 warteten 23.392 Menschen auf ihre Hinrichtung

46 Jahre Todeszelle

Todesstrafe - Der kleine Mann, der durch die Gefängnistür ins Freie tritt, geht gebeugt. Der Blick ist auf seine Fußspitzen gerichtet. Er ist 78 Jahre alt und seit 1968 so gut wie tot. Denn seitdem wartet er in der Todeszelle auf die Vollstreckung seines Urteils. Isoliert, ohne zu wissen, wann es ihn ereilen könnte und - möglichweise - ohne jemals den vierfachen Mord an der Familie seines Chefs begangen zu haben, für den er verurteilt wurde.

Bonn - 27.03.2014

Gestanden hatte er die Tat. Nach 20-tägigem Polizeiverhör, bei dem er bedroht und geschlagen wurde, wie er vor Gericht erzählte. Da hatte er sein Geständnis schon wieder zurückgezogen. Genützt hat es ihm nichts, denn DNA-Tests, wie jener, der ihm heute die Freiheit schenken könnte, gab es in den 60er Jahren noch nicht. Dass die Ermittler damals Beweise gefälscht haben könnten, kommt erst heute zu Sprache, denn das Gericht hat den Fall wieder aufgenommen.

Was es für den Japaner Iwao Hakamada bedeutet, der sein Leben eigentlich schon vor 46 Jahren verloren hat, kann man nur ahnen. Die psychischen Qualen, die er erleiden musste, sind unmenschlich.

"Ein schwerwiegendes Argument gegen die Todesstrafe ist die nie völlig auszuschließende Möglichkeit eines Justizirrtums", schreibt Pater Martin Maier in der deutschen Jesuitenzeitung "Stimmen der Zeit" . So seien seit 1973 in den USA 87 Todeskandidaten wegen erwiesener Fehlurteile wieder freigelassen und im 20. Jahrhundert 32 Menschen unschuldig hingerichtet worden.

Papst Benedikt XVI. forderte Gnade

Auch der Afroamerikaner Troy Davis wurde im Jahr 1991 ohne echte Beweise wegen Mordes an einem Weißen zum Tode verurteilt. 20 Jahre lang wartete er auf seine Exekution, die am 21. September 2011 ungeachtet der weltweiten Entrüstung durchgeführt wurde. Auf einer Liste von Personen, die Gnade für den zu diesem Zeitpunkt 42-Jährigen forderten, findet sich auch Papst Benedikt XVI.

Papst Johannes Paul im Papamobil mit Kardinal Joseph Ratzinger
Bild: © KNA

Joseph Ratzinger gilt als enger Vertrauter des polnischen Papstes Johannes Paul II. (links). Bereits als Erzbischof empfängt er Karol Wojtyla in München, der ihn wenig später an die römische Kurie beruft. Die unterschiedlichen Stile des medienerfahrenen, volksnahen Papstes und des stillen, intellektuellen Theologen ergänzen sich gut. Hinzu kommt, dass beide eine ähnliche theologische Grundhaltung prägt. Mehrere Rücktrittsgesuche Ratzingers, zuletzt zu seinem 75. Geburtstag, lehnt der polnische Papst allerdings ab. Er kann und will auf Ratzinger an seiner Seite nicht verzichten. Als Dekan des Kardinalkollegiums leitet Ratzinger 2005 die Beisetzungsfeierlichkeiten nach dem Tod von Johannes Paul II.

Die aktuellen Zahlen weltweiter Hinrichtungen von Amnesty International (AI) am Donnerstag sprechen von 778 Menschen in 22 Ländern, die 2013 durch Galgen, Todesspritze, Erschießen, Erhängen oder Enthaupten den Tod gefunden haben. Im Jahr 2012 waren es 682. Zudem berichtet Amnesty von mindestens 1.925 Männern und Frauen, die in 57 Ländern zum Tode verurteilt wurden. 23.392 saßen im gleichen Zeitraum in den Todeszellen und warteten auf ihre Hinrichtung.

Die Zahlen geben nur eine Ahnung von den tatsächlichen Zuständen. Denn China bezieht Amnesty schon seit 2009 nicht mehr in die Statistik mit ein. Die Volksrepublik behandelt Angaben zur Todesstrafe als Staatsgeheimnis. Die Menschenrechtsorganisation geht aber von jährlich mehreren Tausend Menschen aus. Weit mehr, als in allen anderen Ländern der Welt zusammen. Verlässliche Zahlen fehlen auch aus Nordkorea oder aus dem Iran.

Vor allem die vielen vollstreckten Todesurteile im persischen Staat alarmiert Amnesty International. So verzeichnete das Land mit 369 bestätigten Hinrichtungen im Jahr 2013 einem Zuwachs um 30 Prozent. Gemeinsam mit dem Irak und Saudi Arabien ist der Iran damit für 80 Prozent aller Hinrichtungen außerhalb Chinas verantwortlich.

"Geständnisse" durch Folter

"In der Mehrheit der Staaten, in denen Menschen zum Tode verurteilt oder hingerichtet wurden, erging die Todesstrafe nach Verfahren, die nicht den Rechtsstandards für einen fairen Prozess entsprachen", heißt es im Bericht . In mehreren Ländern basierten die Todesurteile auf "Geständnissen", die möglicherweise durch Folter oder andere Misshandlungen erzwungen worden seien.

Ein schwerwiegendes Argument gegen die Todesstrafe ist die nie völlig auszuschließende Möglichkeit eines Justizirrtums.

Zitat: Martin Maier SJ in "Stimmen der Zeit"

"Trotz vieler erschütternder Angaben, macht der Bericht aber auch Mut", sagt Daniel Legutke von der Deutschen Kommission Justitia et Pax gegenüber katholisch.de. Tatsächlich haben inzwischen 97 Staaten die Todesstrafe abgeschafft. In Japan finden Parlamentsdebatten zur Abschaffung der Todesstrafe statt. Und selbst China hat Richtlinien zu einem verbesserten verfahrensrechtlichen Schutz bei der Verhängung von Todesurteilen erlassen.

Die katholische Kirche spricht sich seit den 90er Jahren klar gegen die Todesstrafe aus, obwohl sie bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts kaum Zweifel an deren grundsätzlichen Berechtigung hatte. In den 90er Jahren Papst wurde Johannes Paul II. zum weltweiten Vorkämpfer, seither sprechen sich Kirchenvertreter für alternative Wege aus.

"Der neue Bericht von Amnesty kann daher nur als Aufruf verstanden werden, im Engagement für die Abschaffung der Todesstrafe nicht nachzulassen", so Legutke. "Es ist kein vergeblicher Kampf, wie die letzten Jahre gezeigt haben. Der Bericht zeigt aber auch, dass es für Freude über das Erreichte noch viel zu früh ist."

Von Janina Mogendorf