Im Vordergrund ein Rollstuhl im Hintergrund eine Pflegerin die eine alte Frau im Rollstuhl schiebt.
Mein Freiwilliges Soziales Jahr 1996/97

Ein Jahr für andere, ein Jahr für mich

Erfahrungsbericht - Vor 50 Jahren wurde eine gute Idee der beiden großen Kirchen in ein bundesdeutsches Gesetz gegossen. Das "Freiwillige Soziale Jahr" war geboren und damit hatte man das Flaggschiff der Freiwilligendienste ins Leben gerufen. Seither haben allein in katholischer Trägerschaft 75.000 Jugendliche ein FSJ geleistet. Einer davon war ich.

Bonn - 06.04.2014

Im Sommer '96 hatte mich die Schule gerade mit dem Abi-Zeugnis vor die Tür gesetzt und ich war vor allem eines: müde vom Lernen. Die Aussicht mit dem ersten Semester gleich in der nächsten Bildungsinstitution zu verschwinden, erschien mir nicht sehr verlockend. Auch fehlte ein konkreter Plan, in welche Richtung ich mich orientieren wollte.

Mein kindlicher Wunsch, Sängerin zu werden, hatte sich nach einschlägigen Erfahrungen im Schulchor als unrealistisch erwiesen, für Innenarchitektur fehlte mit das Mathe-Gen, Psychologie schien mit acht Wartesemestern unerreichbar weit entfernt. Außerdem wollte ich mal "was Praktisches machen" und fand den Gedanken, ein Jahr lang kein Fachbuch in die Hand nehmen zu müssen, sehr attraktiv.

Meine Entscheidung, zwischen Schule und Hochschule ein 12-monatiges Soziales Jahr zu absolvieren, hatte also zunächst einmal eher egoistische als altruistische Gründe. Über die Caritas meines Heimatortes hatte ich mich über mögliche Einrichtungen informiert und einige Tätigkeiten für mich ausgeschlossen, darunter Pflege und Jugendarbeit.

Bei "Schwester Elsbeth"

Nach einigen Gesprächen fand ich meine Stelle bei "Schwester Elsbeth" in der ergotherapeutischen Abteilung eines großen Alten- und Pflegeheims. Es sollte einige Wochen dauern, bis mir klar wurde, dass es sich bei Elsbeth nicht um eine Ordensschwester in Zivil handelte, sondern dass sie ihren Titel ehrenhalber trug, verliehen von den Heimbewohnern.

Janina Mogendorf 1997 als FSJ-lerin beim Kaffee mit den Bewohnern des Altenheims.

Schwester Elsbeth residierte als Ein-Frau-Unternehmung in einem riesigen Raum unterm Dach des dreistöckigen Hauses. Sie hatte keine Ausbildung zur Ergotherapeutin, aber kreative Ideen und das Herz auf dem rechten Fleck. Beides hatte der Altenpflegerin einige Jahre zuvor die Erlaubnis des Heimleiters eingebracht, einen beschäftigungstherapeutischen Bereich aufzubauen. Und beides machte sie unter den Bewohnern sehr beliebt.

Der Morgen begann einheitlich mit einem Rundgang durch die Stationen und dem "Einsammeln" der überwiegend weiblichen Teilnehmer für den Singkreis. Hin und wieder unterstützte uns auch eine Pflegekraft und brachte die Damen und die beiden Herren nach oben.

Ausgestattet mit Liederfibel, Schellen und Klanghölzern intonierten wir das deutsche Liedgut rauf und runter und entlockten auch älteren Herrschaften mit Demenz ein begeistertes Klatschen. Auch leichte gymnastische Übungen gehörten zum Morgenkreis, ebenso wie ein wechselndes Gesprächsthema, das sich - im katholischen Hause – meist am Kirchenjahr orientierte.

Freundschaften und Feindschaften

Nachmittags kamen ausschließlich Frauen in den Beschäftigungsraum, um monatelang im Voraus für den Weihnachtsbasar zu häkeln, zu nähen und zu basteln. Oder - wie im Fall einer resoluten Heimbewohnerin - ihre verblassenden Schuhe mit Wassermalfarbe und kräftigem Pinselschwung aufzufrischen. Dabei wurde geplaudert. Lieblingsthema waren meist die anderen Heimbewohner und ihre Unarten. Der Großteil kannte sich schon aus der Schule und alte Freundschaften und Feindschaften wurden auch "auf Station" liebevoll gepflegt.

Zu meinen Aufgaben gehörte neben dem "einfach da sein", dem Zuhören, Vorlesen und Hilfestellung leisten auch Ausflüge mit der ein oder anderen Bewohnerin in die nahe Innenstadt und die Vorbereitung von besonderen Festivitäten: Geburtstagsfeiern, Sommerfest, Karnevalsparty, Oktoberfest oder besagter Weihnachtsbasar.

Freiwillig engagiert

Weltkirche: Freiwilliges Jahr im Ausland Caritas: Freiwilliges Soziales Jahr BDKJ: Infos über das FSJ

1997 gab es noch keine "Wii-Sessions" mit den Bewohnern. Die Spielekonsole mit Bewegungssensoren ist heute eine immer beliebter werdende Möglichkeit, mehr Bewegung in den Altenheim-Alltag einzubauen, auch für diejenigen, die das Haus nicht mehr verlassen können. Auch der Einsatz von Therapiehunden war damals kaum verbreitet. Leider – ich hätte mich gefreut und die Bewohner auch.

Ein bewusst erlebtes Jahr

Selten habe ich einen Jahresverlauf so bewusst erlebt wie mit Schwester Elsbeth und "den Leutchen" unterm Dach. Ich habe besondere Frauen und Männer kennengelernt, viele Lebensgeschichten gehört, mich auch von liebgewonnenen Menschen verabschieden müssen – sei es, weil sie mich nicht mehr erkannt haben oder verstorben sind. Nach einem Jahr war mir jedoch auch klar: So ein Arbeitsalltag ist nicht immer ein Zuckerschlecken.

Umso begeisterter habe ich mich im Oktober 1997 ins Studium gestürzt: Mein Entschluss, Erwachsenenbildung und Sozialpädagogik zu studieren,, verdanke ich meinem Freiwilligen Sozialen Jahr und der Erkenntnis, dass ich gerne mit Menschen arbeite. Dass es ein Jahr für andere war und dass ich quasi ehrenamtlich gearbeitet habe, stand für mich nie im Vordergrund, freut mich aber im Rückblick. In erster Linie habe ich es als sehr gewinnbringend erlebt.

Von Janina Mogendorf

Die Geschichte des FSJ

Bereits 1958 hatte unter anderem die Katholische Frauenjugend im BDKJ zu einem "Freiwilligen Hilfsdienst in Flüchtlingslagern" aufgerufen. Dem folgten ab 1959 die Aufrufe aller katholischen deutschen Bischöfe zum "Jahr für die Kirche", in Anlehnung an das 1954 erstmals ausgeschriebene Diakonische Jahr in der evangelischen Kirche. Mit der Verabschiedung des "Gesetzes zur Förderung eines Freiwilligen Sozialen Jahres" 1964 haben die katholischen FSJ-Träger die Bezeichnung "Freiwilliges Soziales Jahr" übernommen. Im aktuellen Jahrgang 2013/14 sind bundesweit über 50.000 FSJ-Freiwillige im Einsatz, etwa 6.000 davon im katholischen Bereich. Quelle: BDKJ