Schachfigur
Sophia Kuby über Urlaub und Stress im Alltag

Eine neue Kultur des Lebens

Standpunkt - Sophia Kuby über Urlaub und Stress im Alltag

Von Sophia Kuby |  Bonn - 31.07.2017

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Die Urlaubszeit ist da. Neben allen Tipps für optimierte Entspannung drängt sich mir eine Frage auf: wir finden zwar immer bessere, raffiniertere, exotischere Arten, dem Alltag für ein paar Wochen zu entfliehen, aber wie leben wir die restlichen 48 Wochen im Jahr?

Es scheint, wenn man sich so umsieht– das eigene Leben nicht ausgenommen – dass wir es immer weniger verstehen, im Alltag einen gesunden Lebensrhythmus zu haben, einen in dem Arbeit, Familie, Glaubensleben, Freunde, Hobbies, soziales oder kirchliches Engagement Platz finden, ohne dass man ausbrennt. Wer vollkommen erschöpft in den Urlaub geht, sollte sich fragen, ob die Lösung vielleicht nicht in zwei Wochen Kroatien, sondern in einem ausgewogeneren Alltag zu finden ist.

Aber wie geht ein ausgewogener Alltag in unserer Hochleistungsgesellschaft, in der 150 Emails pro Tag, die so nebenbei erledigt werden müssen, zur Normalität gehören, in der ein interessanter Job mit weniger als einer 60-Stunden-Woche kaum zu haben ist, man immer erreichbar sein muss und Flexibilität und Mobilität neben vielen Vorteilen Familienleben und regelmäßige lokale Engagements kaum erlauben?

Burn-out ist die neue Volkskrankheit, aber konstante Arbeitsüberlastung ist nur ein Faktor, der zu Erschöpfung oder gar Burn-out führt. Andere Faktoren sind Frustration, schlechte menschliche Beziehungen im Job und außerhalb, ständiger Informationsüberfluss, das Gefühl dauernd verfügbar sein zu müssen, ein Mangel an geistlicher Erdung. Wenn die Menschen, die uns umgeben Quelle von Stress statt Bereicherung sind, wenn unser Leben keinen Rhythmus mehr hat in Arbeitszeit, Freizeit und Muße (das gleichnamige Buch von Josef Pieper kann ich sehr als Urlaubslektüre empfehlen) und die geistliche Praxis sich auf eine Stunde am Sonntag beschränkt, kollabiert der Mensch allmählich.

Nehmen wir die Urlaubszeit zum Anlass, über unseren Lebensrhythmus im Alltag nachzudenken und gegebenenfalls Prioritäten neu zu ordnen. Auch das ist Kultur des Lebens: Als Christen sollten wir etwas beitragen können zu einem Leben, in dem Körper, Seele, Geist im Einklang sind. Aber auch wir sind auf Effizienz getrimmt, haben das Smartphone immer griffbereit, können immer weniger abschalten. Fangen wir bei uns selbst an, eine Kultur des (ausgewogenen) Lebens im Alltag zu neu zu erfinden.

Von Sophia Kuby

Die Autorin

Sophia Kuby ist Direktorin des EU-Büros der internationalen Menschenrechtsorganisation ADF International.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.