Schachfigur
Joachim Frank über das Richter-Fenster im Kölner Dom

Ein Bekenntnis zur Moderne

Joachim Frank über das Richter-Fenster im Kölner Dom

Von Joachim Frank |  Bonn - 25.08.2017

25. August 2007 um die Mittagszeit. Weißer Rauch steigt auf im Kölner Dom. In etwa 20 Metern Höhe wird daraus eine spektakuläre Farbwolke. Das Sonnenlicht, das durch 11.263 bunte Quadrate ins Südquerhaus fällt, bricht sich in den dichten Weihrauchschwaden. Ein mystischer Moment für alle Zuschauer und ein Moment der Befriedigung für das Kölner Domkapitel. Die Einweihung von Gerhard Richters monumentalem "Pixel"-Fenster durch Dompropst Norbert Feldhoff wird zur doppelten Gewissheit: In der katholischen Kirche mag so manches misslingen oder aus dem Ruder laufen – eine perfekt inszenierte, stimmungsvolle und hierin überwältigende Liturgie aber, die bekommt sie immer noch hin. Und: Die umstrittene Entscheidung des Kapitels für Richters abstrakten Entwurf, dem Kardinal Joachim Meisner in maliziöser Absicht attestiert, er hätte ebenso gut in eine Moschee gepasst, erweist sich als tragfähig und stimmig. Dieses Fenster passt in den Dom.

So sehen es heute die meisten der sechs Millionen Besucher, die Jahr für Jahr in Deutschlands berühmtestes Sakralbauwerk kommen. Dombaumeister Peter Füssenich geht so weit, zu sagen, dass das Richter-Fenster schnell zu einer der Hauptattraktionen für Touristen avanciert ist: muss man gesehen haben…

Sicher sind Baedeker und Tripadvisor keine hinreichenden Gradmesser dafür, ob sich zeitgenössische Kunst im Kirchenraum bewährt. Dennoch darf das Richter-Fenster in mehrfacher Hinsicht als Jahrhundert-Werk gelten, auch dort, wo seine Kritiker es für begrenzt halten. Der Leipziger Maler Michael Triegel, spätestens seit seinen Porträts des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. der "Shootingstar" der katholischen Kunstszene, benennt das Unbehagen. Richters Fenster bleibe inhaltlich leer: "Die bloße Verweigerung jeglicher Gegenständlichkeit ist nur eine Behauptung von Geheimnis, hinter der auch das vollkommene Nichts liegen kann." Doch Richters junger Kollege, Jahrgang 1968, macht den empfundenen Mangel zum Gewinn: Je länger er sich mit dem Fenster beschäftige, desto mehr fasziniere es ihn "als grandiose Illustration eines großen Verlusts". Des Verlusts an Gewissheit im Glauben. Damit habe Richter "ein Charakteristikum unserer Zeit ins Bild gesetzt".

Ich halte dem ein positives Moment entgegen: Mit Richters Werk bekennt sich die Kirche zur Moderne. Sie belehrt nicht, sie insistiert nicht, sie gibt der Freiheit des Denkens und Glaubens Raum. "Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt", hat Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. einmal gesagt. 11.263 davon sind in Gerhard Richters Pixeln Gestalt geworden.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger", der "Berliner Zeitung" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.