Sophia Kuby über Sterbehilfe in belgischen Ordenskliniken

Katholiken, die Euthanasie fordern

Aktualisiert am 20.09.2017  –  Lesedauer: 
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Bild: © Fotolia.com/Roma
Standpunkt

Bonn ‐ Sophia Kuby über Sterbehilfe in belgischen Ordenskliniken

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In Belgien spielt sich derzeit ein Drama ab, das die Dimension der Erosion des moralischen Grundwasserspiegels unter Katholiken offenbart. Die größte katholische Gesundheitseinrichtung in Belgien, ein Verbund aus 15 Kranken- und Pflegehäusern für psychisch Kranke und Behinderte mit insgesamt 5.000 Betten, besteht darauf, Euthanasie an nicht terminalen Patienten zu erlauben.

Die Ordensgemeinschaft der Brüder der Nächstenliebe ist Träger der Einrichtungen, allerdings mit einem Vereinsvorstand, dem größtenteils Laien angehören. Die Zulassung der Euthanasie war die Entscheidung des Vorstandes im April. Der Ordensobere, Bruder René Stockmann, hat die Entscheidung vehement als unvereinbar mit der katholischen Lehre über das Leben und die Menschenwürde bezeichnet und Korrektur gefordert. Auch die belgische Bischofkonferenz forderte diese. Schließlich stellte auch Rom ein Ultimatum, das der Vorstand, dem prominente Katholiken wie der ehemalige belgische Premier und frühere EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy angehören, verstreichen ließ  - ohne die geringste Absicht erkennen zu lassen, seine Haltung zu ändern.

Die Begründung, die der Vorstand für die aktive Tötung von psychisch kranken Menschen liefert, offenbart trotz viel katholischer Terminologie die grundsätzliche Aufgabe des christlichen Menschenbildes. So verständlich es ist, schweres Leiden nicht hinnehmen zu wollen, so unchristlich ist es, dem Menschen in bestimmten Situationen seine Würde abzusprechen. Denn dieses Verständnis veranlasste den Vorstand zu seiner Entscheidung: dass der Mensch seine Würde im Leiden verlieren kann, dass er nichts mehr ist außer sein Leid und es somit besser für ihn und für seine Umwelt ist,  ihm die Gnadenspritze zu geben. Wie weit ist diese Sicht entfernt vom Gründungscharisma des Ordens! Der Belgier Pierre Joseph Triest stieg, getrieben von Mitleid und dem Glauben an Gottes Gegenwart in jedem Menschen, vor 200 Jahren in dunkle Verließe belgischer Schösser hinab, um Behinderte und psychisch Kranke zu befreien, die dort wie Vieh angekettet waren. Er tat dies nicht einfach aus Humanismus heraus, sondern weil er überzeugt war, dass der Mensch seine Gottebenbildlichkeit durch Leid und Krankheit nicht verliert und wir die Pflicht haben, Kranke, Alte und Behinderte als Ebenbild Gottes zu behandeln.

Mit der vollzogenen vollkommenen Abkehr vom christlichen Verständnis des Menschen hat die Einrichtung ihre katholische Identität aufgegeben. Aber nicht der Verlust des Etiketts "katholisch" ist das Problem, sondern die Abkehr vom christlichen Menschenbild, die dann zu blumig klingenden, pseudo-ethischen Begründungen führt, warum es richtig und sogar "christlich" sei, Menschen, die "zu sehr" leiden, zu töten. Wie schnell sich diese Kategorie ausweitet, kann man in Belgien seit 15 Jahren beobachten. Euthanasie ist an der Tagesordnung und bei weitem nicht mehr nur auf Extremfälle begrenzt. Offiziell machen reine Alterserscheinungen wie eingeschränkte Seh- oder Hörvermögen bereits zehn Prozent der Fälle aus. Depression, Demenz, Autismus – selbst Tinnitus sind in Belgien mittlerweile Gründe für Euthanasie. Sobald die unveräußerliche Würde des Menschen als ein verlierbares Attribut verstanden wird, ist die schiefe Ebene betreten. Und wie das Beispiel der Brüder der Nächstenliebe zeigt, ist die Ebene für Katholiken nicht weniger schief.

Von Sophia Kuby

Die Autorin

Sophia Kuby ist Direktorin des EU-Büros der internationalen Menschenrechtsorganisation ADF International.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.