Im März 1933 stellte Adolf Hitler den Kirchen überraschend weitreichende Zugeständnisse in Aussicht.
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Diktator unterstützte den Knabenchor laut Studie auch finanziell

Historiker: Hitler mochte Domspatzen besonders

Anscheinend liebte er nicht nur Richard Wagner, sondern auch den Gesang der Regensburger Domspatzen: Adolf Hitler unterstützte den Knabenchor in besonderer Weise, wie ein Historiker jetzt herausfand.

Regensburg - 28.09.2017

Die Regensburger Domspatzen genossen in der NS-Zeit die besondere Zuwendung von Adolf Hitler, die er sich auch viel Geld kosten ließ. Das geht aus einer am Donnerstag in Regensburg vorgestellten Studie des Historikers Roman Smolorz hervor. So habe Hitler persönlich den Anstoß für eine Weltreise der Domspatzen gegeben, die 1937 stattfand. Seit diesem Jahr gewährte er dem Chor außerdem bis 1945 einen "Führerzuschuss" von zuletzt 12.000 Reichsmark. Hitler empfing die Domspatzen zweimal auf dem Obersalzberg und wollte auch, dass sie auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg singen.

Für Propagandazwecke eingespannt

Dies sei von anderen Knabenchören wie den Wiener Sängerknaben oder den Leipziger Thomanern nicht bekannt, erläuterte Smolorz. Gleichwohl seien auch diese Ensembles vom NS-Staat für Propagandazwecke eingespannt worden. Welche persönlichen Motive hinter Hitlers Zuneigung zu den Domspatzen steckten, dazu schwiegen die verfügbaren Quellen, sagte der Autor. Sein Buch "Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus. Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat" entstand im Auftrag des Vereins der Freunde des Regensburger Domchors.

Smolorz beschreibt, wie die Domsingknaben 1933 zum Spielball zwischen Naziherrschaft und katholischer Kirche wurden. Dabei analysiert er auf Basis umfassender Archivstudien das komplexe Beziehungsgeflecht aus Interessen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Loyalitätsverpflichtungen sowie die Rolle der darin handelnden Akteure.

Die Regensburger Domspatzen bei einem Konzert.
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Die Regensburger Domspatzen gehören zu den bekanntesten Kirchenchören der Welt.

Der damalige Domkapellmeister Theobald Schrems habe es als "opportunistischer Spieler" geschickt verstanden, zwischen beiden Machtzentren zu agieren, schreibt Smolorz. Dabei sei der Kirchenmusiker vor allem vom Ehrgeiz getrieben gewesen, Dirigent eines berühmten Chores zu werden. Schrems habe keine Berührungsängste gegenüber dem NS-Regime erkennen lassen. Nur wenn es ihm abverlangt worden sei, habe er die Position der Kirche behauptet.

Zeitweise habe der Domkapellmeister seine Ziele wie die Errichtung eines eigenen Musikgymnasiums gemeinsam mit dem Regensburger NS-Funktionär Martin Miederer betrieben, der von 1935 bis 1940 an der Spitze des Domchorvereins stand. Dieser habe aber in dem Amt auch eigene Karriereziele verfolgt und später gegen Schrems intrigiert.

Aus den Ergebnissen lernen

Die ausgedehnten Konzertreisen der Domspatzen im In- und Ausland, die vielfach vom Staat bezahlt worden seien, hätten dem Chor ein beträchtliches Renommee eingetragen. Davon habe die Einrichtung auch nach Kriegsende profitiert. Smolorz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Regensburg.

Der Vorsitzende des Domchorvereins, Marcus Weigl, sagte, in der 1.000-jährigen Geschichte der Domspatzen zähle die NS-Zeit "sicherlich zu den dunkleren Kapiteln". Deshalb habe der Vereinsvorstand 2015 das Forschungsprojekt beschlossen. Nun gehe es darum, aus den Ergebnissen zu lernen. (KNA)