Toleranz-Ruf am Tag der Deutschen Einheit
Was sich Kirchenvertreter und Politiker für Deutschland wünschen

Toleranz-Ruf am Tag der Deutschen Einheit

Hunderte Gäste haben den Tag der deutschen Einheit in Mainz mit einem Festgottesdienst gefeiert. Dort sprach auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: über neu entstandene Mauern in Deutschland.

Mainz - 03.10.2017

Mit einem ökumenischen Festgottesdienst im Mainzer Dom hat am Dienstag unter dem Motto "Zusammen sind wir Deutschland" die zentrale Feier des Tags der Deutschen Einheit begonnen. Unter den rund 800 Gäste befanden sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und amtierende Präsidentin des Bundesrats, Malu Dreyer (SPD).

In seiner Predigt rief der Präsident der Evangelischen Kirche der Pfalz, Christian Schad, dazu auf, für Glaubens- und Gewissensfreiheit einzustehen. Unterschiedliche Überzeugungen sollten nicht in Gewalt gipfeln, sondern in einer Atmosphäre der Toleranz und des Respekts ausgehalten werden. Christen in Mittel- und Ostdeutschland seien es gewesen, die mit friedlichen Montagsgebeten und Märschen der Freiheitsliebe eine Stimme gegeben hätten.

Kohlgraf: Gott danken für 27 Jahre Einheit

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hatte in seiner Begrüßung von Deutschland als einem "prächtigen Land" gesprochen. Er forderte dazu auf, sich bewusst zu machen, dass nicht alles allein in menschlichen Händen liege, manches auch ein kostbares Geschenk sei. "Einheit, Freiheit und Frieden - seit nunmehr 27 Jahren. Heute wollen wir Gott Dank sagen."

Malu Dreyer dankte beim anschließenden Festakt den Kirchenmännern für den Gottesdienst. "Er hat uns schon die tiefe menschliche Bedeutung von Freiheit erschlossen", sagte sie. Zum Nationalfeiertag erklärte sie, dass er eine Einladung sei, "den wunderbaren Geschmack gewonnener Freiheit noch einmal zu kosten – gerade weil nach 27 Jahren der Freudentaumel der Wiedervereinigung dem Alltagsglück des vereinigten Deutschlands gewichen ist".

Frank-Walter Steinmeier pochte in seiner Rede auf eine Auseinandersetzung mit neu entstandenen Mauern in Deutschland. Diese stünden dem gemeinsamen "Wir" im Wege. Entfremdung, Enttäuschung oder Wut sei bei manchen so fest geworden, dass Argumente sie nicht mehr erreichten. Zudem erklärte der Bundespräsident, dass das Bekenntnis zur deutschen Geschichte unverhandelbar sei. Dies erwarte er auch von Zuwanderern und erst recht von Abgeordneten des Deutschen Bundestages. "Die Verantwortung vor unserer Geschichte kennt keinen Schlussstrich", fügte er hinzu.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, rief die Bevölkerung zum gesellschaftlichen Engagement auf. "Die Demokratie läuft nicht von selbst", sagte der Erzbischof in der Münchner Dreifaltigkeitskirche. Ein demokratisches offenes Gemeinwesen brauche ständigen Einsatz. Gerade nach der letzten Bundestagswahl werde klar, dass die große Erfahrung der deutschen Einheit nicht bedeute, dass sich alle Probleme von selbst lösten. Ein demokratisches offenes Gemeinwesen brauche ständigen Einsatz.

Marx: Die Menschen brauchen Hoffnung

Das Leben einer Gesellschaft gedeihe wie das Leben eines Menschen nicht automatisch, sondern müsse gestaltet werden, mahnte der Kardinal. In Zeiten der Turbulenzen und des Zusammenbruchs werde auch in der Heiligen Schrift deutlich, dass die Menschen Hoffnung brauchten. "Das ist unsere Aufgabe als Kirche. Wir sind nicht die Ankläger der Nation, sondern wir sind Träger der Hoffnung. Wir weisen auf Gott hin, der Zukunft ist. Wir ermutigen, stärken, vertreiben die Angst."

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, warnte: "Nationalismus ist eine Erscheinungsform von Sünde." Wenn ein Volk nur noch sich selber sehe und nicht mehr die anderen, dann sei das ein Zeichen von Sünde, so wie der Reformator Martin Luther sie verstanden habe, sagte er.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime (ZMD), Aiman Mazyek, teilte via Twitter mit, dass der Tag der Deutschen Einheit für die Muslime auch ein Tag der Freude und Dankbarkeit für den friedlichen Zusammenhalt Deutschlands sei. (bod/KNA)