"Wir reden von 70.000 Morden"
Bild: © Adveniat
Adveniat-Hauptgeschäftsführer zur Menschenrechtslage in Mexiko

"Wir reden von 70.000 Morden"

Mexiko - Gerade ist Adveniat -Hauptgeschäftsführer Bernd Klaschka aus Mexiko zurückgekommen. Über die Vorgänge in der Stadt Iguala ist der Leiter des Lateinamerika-Hilfswerks bestürzt. Mitglieder der örtlichen Polizei sollen dort 43 protestierende Studenten verschleppt haben . Im ganzen Land kommt es zu Protesten; unterdessen gehen Beobachter davon aus, dass alle Entführten auf teils bestialische Art umgebracht wurden. Kein Einzelfall, wie Klaschka im Interview erläutert.

Essen - 25.10.2014

Frage: Herr Klaschka, was sagt die schlagzeilenträchtige Entführung und mutmaßliche Ermordung von 43 Studenten über die Menschenrechtslage im Land aus?

Klaschka: Die Würde des Menschen wird in Mexiko seit Jahren mit Füßen getreten. Einmal durch eine weit verbreitete Korruption in Polizei und Politik, zum anderen durch Auseinandersetzungen zwischen den sechs Drogenkartellen, die sich einen blutigen Kampf liefern um den besten Weg für ihre Drogen in die USA und nach Europa. Ermordungen wie jetzt in Iguala hat es darum schon vorher gegeben. Wir reden von 70.000 Morden in den vergangenen sieben, acht Jahren.

Frage: Aber der Vorgänger des aktuellen Präsidenten Enrique Pena Nieto, Felipe Calderon, hat einen strikten Kurs gegenüber der Drogenmafia gefahren. Ist das ohne Folgen geblieben?

Klaschka: Calderon hat nicht nur die Präventionsarbeit gestärkt, sondern wollte auch die Macht der Kartelle mit militärischen Mitteln beenden. Er hat der Drogenmafia den Krieg erklärt. Dieses Wort ist genau so gefallen. Da kamen Soldaten zum Einsatz. Aber das alles hat eigentlich nur zu einer zusätzlichen Brutalisierung geführt.

Frage: Können Sie Beispiele nennen - außer dem jüngsten in Iguala?

Klaschka: Das Vorgehen der Drogenkartelle ähnelt dem des "Islamischen Staats" in Syrien und Irak...

Mahnwache für vermisste mexikanische Studenten
Bild: © KNA

Studenten in Mexiko-Stadt formen während einer Mahnwache Kerzen zu den Worten "Gerechtigkeit für Ayotzinapa" für die 43 vermissten Lehramtsstudenten der Hochschule Ayotzinapa.

Frage: Ist dieser Vergleich nicht doch ein wenig stark?

Klaschkla: Ich ziehe ihn ganz bewusst. Auch die Drogenkartelle und ihre bewaffneten Einheiten stellen die abgeschlagenen Köpfe ihrer vermeintlichen Feinde öffentlich aus, oder lassen enthauptete Leichen unter Brücken liegen, um Gegner abzuschrecken und die Bevölkerung einzuschüchtern.

Frage: Was müsste sich ändern, damit in Mexiko der Teufelskreis aus Gewalt und Kriminalität durchbrochen wird?

Klaschka: Mit dieser Frage setze ich mich seit langem auseinander. Ansetzen müsste man meines Erachtens vor allem auf drei Ebenen. Erstens: Eine Werteerziehung an der Basis, das heißt den Kindern schon in der Schule zu vermitteln, dass nicht nur das Eigeninteresse zählt. Zweitens: Mehr wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit. Obwohl es einen deutlichen ökonomischen Aufschwung in Mexiko gibt, sind nach wie vor viele Volksgruppen davon ausgeschlossen.

Frage: Und drittens?

Klaschka: Die Politik muss endlich ernstmachen im Kampf gegen die Korruption. Immerhin haben die Christdemokraten von der Partido Accion Nacional vor wenigen Tagen ein Antikorruptionsprogramm im Parlament vorgelegt. Zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos! Da geht es nicht nur um Selbstverpflichtung in der Politik, sondern auch um Käuflichkeit in der Industrie und in Behörden. Nur mit transparentem Handeln kann der Staat sein Gewaltmonopol wieder zurückerobern.

Iguala zeigt: Das Sterben und Morden geht weiter.

Zitat: Bernd Klaschka, Hauptgeschäftsführer von Adveniat

Frage: Für Transparenz in Iguala sorgen will auch der bekannte katholische Priester und Menschenrechtsaktivist Alejandro Solalinde. Am Donnerstagabend traf er sich mit der Generalstaatsanwaltschaft. Was kann der Mann bewegen?

Klaschka: Unser Projektpartner Alejandro Solalinde hat ja mehrere Anläufe gebraucht, um überhaupt bis dorthin vorzudringen. Er berichtet davon, dass ein Teil der Studenten bei lebendigem Leibe verbrannt wurde und auch der Rest der jungen Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Seine Informationen scheinen aber nicht sonderlich begehrt zu sein.

Frage: Warum?

Klaschka: Sie passen nicht in das Bild, das Präsident Pena Nieto der Öffentlichkeit vermitteln will. Er rühmt sich, dass unter seiner Amtszeit die Zahl der Toten im Krieg gegen die Drogenmafia zurückgegangen ist. Aber Iguala zeigt: Das Sterben und Morden geht weiter.

Das Interview führte Joachim Heinz (KNA)