Eine Bettlerin sitzt auf dem Pflaster in der Fußgängerzone in Bonn. Passanten gehen an der Frau vorbei.
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Zehn Tipps zum Umgang mit Armen und Obdachlosen

"Sind Bettler nicht selbst schuld?"

Ist es gut, einem Obdachlosen Geld zu geben? Diese und andere Fragen beantwortet der Kölner Caritasverband in seinen Leitfaden zum Umgang mit Bettlern und Armut. Katholisch.de hat zehn Tipps zusammengefasst.

Von Johanna Heckeley |  Köln - 21.10.2017

1. Soll ich Bettlern Geld geben?

Die Sorge, die viele haben, ist, dass von der Spende Alkohol oder andere Drogen gekauft werden. Die Caritas erklärt: "Menschen, die auf der Straße leben, haben oftmals Suchtprobleme. Sie brauchen den Alkohol, um zu überleben, auch wenn sich das erst einmal paradox anhört. Ein kalter Entzug auf der Straße kann lebensbedrohlich sein." Wenn Sie einem Bettler also Geld geben, ist das wie bei einem Geschenk: Sie sollten es dem Beschenkten überlassen, was er damit tut.

2. Ist es nicht besser, ich kaufe dem Bettler ein belegtes Brötchen und einen Kaffee?

Das mag manchmal so sein. Aber vielleicht hat der Bettler an diesem Tag schon mehrere Brötchen geschenkt bekommen und möchte keines mehr. Besser ist es, Sie fragen ihn, ob er Hunger hat oder was er sonst benötigt.

3. Wie kann ich Menschen helfen, wenn ich kein Geld geben will?

Statt Geld kann man fragen, was der bettelnde Mensch gerade braucht – vielleicht einen Einwegrasierer oder neue Schuhe? Sie können dem Menschen auch Informationen geben, wo sie Hilfe finden, wie zum Beispiel Anlaufstellen für eine Unterkunft oder die Angebote der Tafeln. Manche Menschen interessiert das allerdings nicht – das sollte man akzeptieren, rät die Caritas. Wer etwas Zeit hat, kann sich ehrenamtlich bei einer Einrichtung für Arme oder Obdachlose engagieren. Diese Einrichtungen freuen sich übrigens auch über Spenden.

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Welcher Spendenzweck ist der Richtige? Darf ich Leid kategorisieren?

4. Sind Bettler nicht selbst schuld an ihrer Lage?

Es gibt viele Gründe, warum Menschen auf der Straße leben. Häufig gehören Krankheiten, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, finanzielle Probleme und Schicksalsschläge dazu. "Wenn ich paranoid und schizophren bin und noch fünf Promille im Blut habe, kann ich mir keine Schuldfrage mehr stellen", zitiert die Caritas einen Mitarbeiter der Berliner Bahnhofsmission. Der Weg zurück in die vermeintliche Normalität ist für viele Menschen, die seit Jahren auf der Straße leben und nicht selten psychisch krank sind, schwierig. Zwar haben auch obdachlose Menschen Anspruch auf soziale Leistungen, aber viele von ihnen besitzen weder Ausweis noch Geburtsurkunde. Und ohne die geht bei den Ämtern häufig gar nichts. "Viele Menschen schaffen es nicht, sich neue Papiere zu beschaffen", erklärt die Caritas. Dafür bräuchten sie bereits Unterstützung.

5. Was ist mit organisierten Bettler-Banden?

Dass es eine Art "Bettlermafia" gibt, hält die Kölner Caritas für ein Vorurteil: Denn dafür gebe es keine polizeilichen Belege, allenfalls handele es sich um Einzelfälle. Dass es trotzdem manchmal so aussieht, als würden sich Bettler, vor allem aus Südosteuropa, organisieren, erklärt die Caritas so: Die bittere Armut und die Ausweglosigkeit in ihrem Heimatland zwängen die Menschen, zu betteln. Weil sie sich sehr mit ihrer Familie und ihrer Gruppe solidarisch fühlten, machten sie sich gemeinsam auf die Reise, wohnten gemeinsam und gingen auch gemeinsam betteln. Gegen das Argument, keine kriminellen Bettlerbanden unterstützen zu wollen, meint die Caritas: "Wenn ich zehn Menschen etwas spende und darunter ist einer kriminell, kann ich mit dieser Quote vielleicht ganz gut leben."

6. Sind die Bettler wirklich arm?

Keiner lebt ohne Grund auf der Straße, keiner bettelt freiwillig, so die Caritas. "Das Leben eines Bettlers ist nicht leicht. Viele sind krank und werden von Passanten beschimpft." Bei Südosteuropäern komme hinzu, dass sie keinen Zugang zu Sozialleistungen haben und nur eingeschränkt arbeiten dürfen.

7. Was ist, wenn mich ein bettelnder Mensch belästigt?

Wenn Sie sich durch einen bettelnden Menschen belästigt fühlen, empfiehlt die Caritas, ihm deutlich "nein" zu sagen und das Gespräch abzubrechen. Dennoch sollten Sie respektvoll bleiben und der Situation angemessen reagieren. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen die Situation entgleitet, können Sie auch andere Menschen um Hilfe bitten.

Linktipp: Armut ist ein Vollzeitjob

Christine Schultis lebte mit Mann und Kindern in Berlin ein Leben auf der Überholspur. Bis ihr Mann sich von ihr trennte, sie ihren Job verlor und vor dem Nichts stand. Im Gespräch mit katholisch.de erzählt sie, wie sie dieser Lebenssituation begegnete.

8. Warum muss in Deutschland überhaupt jemand auf der Straße leben?

Die Kommunen sind verpflichtet, eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen, wenn jemand obdachlos zu werden droht. Aber da Wohnraum allgemein knapp ist, kann nicht in jedem Fall eine Wohnung angeboten werden. "Dann ist es nicht selten die Einfachpension mit einer Vier-Mann-Belegung auf einem Zimmer. Das ist nicht für jede(n) das Wahre", erklärt die Caritas. Es gibt viele verschiedene Anlaufstellen und Angebote für Obdachlose. Aber: "Am Ende hat jede(r) das Recht, so zu leben, wie sie oder er es will, auch wenn es sich dabei um die Straße handelt." Man müsse sich damit abfinden, dass es Menschen gebe, die weder Hilfe noch Wohnung wollten, etwa, weil sie beengte Räume und Regeln des nachbarschaftlichen Zusammenlebens nicht mehr ertragen können, schreibt die Caritas. "Und dennoch gehören sie zu unserer Gesellschaft."

9. Und warum gibt es hierzulande Menschen, die so arm sind, dass sie betteln müssen?

Auch, wenn jemand Vollzeit arbeitet, bedeutet das nicht automatisch, dass er gut über die Runden kommt. Wenn jemand Alleinstehendes arbeitet und über weniger als 869 Euro pro Monat an Einkommen verfügen kann, lebt er unter der Armutsgrenze. "Erwerbsarmut" heißt das dann. "Die Zahl der von Erwerbsarmut betroffenen Menschen in Deutschland liegt aktuell bei 9,6 Prozent und hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt", erklärt die Caritas. Zudem sei der Druck auf Arbeitslose seit der Einführung von Harz IV gestiegen, jede ihnen angebotene Stelle anzunehmen – auch solche mit schlechter Bezahlung oder niedrigerem Stundenumfang.

10. Wer wirklich arbeiten will, kann auch Arbeit finden – oder etwa nicht?

Das ist ein Vorurteil. Die Caritas findet solche Vorurteile "zerstörerisch", denn sie bilden den Boden für eine Stimmung, die dem Arbeitslosen die Schuld zuschiebt. Um das zu verdeutlichen, dreht sie die Frage um: "Wenn es allen Arbeitslosen viel zu gut geht, warum wollen dann nicht alle arbeitslos sein?" Damit Arbeitslose wieder Arbeit finden, brauchen sie Rahmenbedingungen, die sie unterstützen. Doch die Caritas hält das nicht für gegeben: Beispielsweise würde heute nur noch jeder elfte Hartz IV-Empfänger mit einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme, wie etwa einer Weiterbildung, gefördert. Um Langzeitarbeitslose, bei denen nicht selten verschiedene Vermittlungshemmnisse vorliegen, wieder an einen Arbeitsrhythmus zu gewöhnt, sind flexiblere und individuellere Beschäftigungsmaßnahmen nötig, fordert sie.

Von Johanna Heckeley

Der Leitfaden

Weitere Informationen zu den Themen Armut und Betteln sowie Anregungen zum Umgang damit bietet der Leitfaden "Arm in Köln". Herausgegeben hat ihn der Caritasverband für die Stadt Köln gemeinsam mit weiteren katholischen Einrichtungen. Der Leitfaden ist als PDF-Datei herunterladbar.