Über Umwege zum Priesteramt
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Das Studienhaus St. Lambert bildet Spätberufene aus

Über Umwege zum Priesteramt

Berufung - Abitur, Theologiestudium, Weihe: Das ist nicht der einzige Weg, um Priester zu werden. Immer mehr Männer erkennen ihre Berufung erst später. Auf für sie gibt es noch Möglichkeiten – und das sogar ohne Abitur.

Von Julia Martin |  Bonn - 06.11.2017

25, 35, 45 – für einen kompletten Neuanfang ist es in keinem Alter zu spät. Vor allem nicht, wenn es um eine persönliche Berufung geht. Sogar Priester zu werden ist dann noch möglich - auch ohne Abitur. Im Studienhaus St. Lambert spielt das Alter der Priesteramtskandidaten (fast) keine Rolle: Mindestens 25 Jahre alt sollten sie aber sein. In Lantershofen können Männer auf dem 3. Bildungsweg einen theologischen Abschluss machen und danach zum Priester geweiht werden. Die einzige Voraussetzung: Eine abgeschlossene Berufsausbildung. Ein Modell, das deutschlandweit überdiözesan einzigartig ist.

Innerhalb der Bistümer gibt es zwar einige sogenannte Spätberufenenseminare. Diese beschränken sich meist aber auf die eigene oder höchstens noch die Nachbardiözese. Im Studium Rudolphinum im Bistum Regensburg können etwa nur Kandidaten aus Regensburg und dem angrenzenden Bistum Passau studieren. Im Seminar St. Lambert, das im Bistum Trier liegt, ist das anders. Seit 1972 kommen Männer aus ganz Deutschland zum Theologiestudium dorthin. Auch Ordensleute, die kein Abitur haben, können hier die theologische Ausbildung für den Priesterberuf erlangen.

"Für im Glauben und Leben bewährte Männer"

In der Nachkriegszeit wurde das Anwesen in Lantershofen als Vorbereitungsschule für Jungen aus ländlichen Gebieten auf das Abitur genutzt. In den späten 60ern war dieses Konzept hinfällig. Der Trierer Bischof Bernhard Stein gründete daraufhin in den frühen 70ern ein Seminar "für in Glauben und Leben bewährte Männer, die zwar Berufserfahrung, aber kein Abitur vorweisen können“, um so „einen 3. Bildungsweg zum priesterlichen Dienst einzurichten". Heute zählt das Studienhaus zu den zahlenmäßig stärksten Ausbildungsstätten für Priester. 1997-1999 war Felix Genn dort Regens, auf ihn folgte bis 2006 Stephan Ackermann. Das Seminar hat gute Beziehungen ins deutsche Episkopat: Beide sind heute Diözesanbischöfe.

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Als das älteste und erste Spätberufenenseminar in Deutschland gilt das Clemens-Hofbauer-Kolleg in Warstein-Beleke. Es wurde 1922 vom Priester Bernhard Zimmermann gegründet, mit dem Ziel dort das Abitur auf dem 2. Bildungsweg zu erwerben, um dann Priester zu werden. Diesem Vorbild folgten viele andere. Gerade im deutschen Sprachraum sind Spätberufenenseminare weit verbreitet. Das Schulsystem mit Haupt- und Realschule sowie Gymnasium sorgte in der Vergangenheit für Schwierigkeiten, war es doch quasi unmöglich das Abitur zu erlangen, wenn man sich für Haupt- oder Realschule entschieden hatte.

Doch das Seminar St. Lambert war schon seit seiner Gründung anders ausgerichtet. Nicht das Abitur, sondern das Theologiestudium ist das Ziel des Hauses. Studium auf dem 3. Bildungsweg. Die Ausbildung dort dauert vier Jahre. "Die Studenten wohnen hier während des Studiums", erklärt Regens Volker Malburg. Im Gegensatz zur klassischen Universität ist das Jahr in Trimester à zwölf Wochen aufgeteilt. Außerdem habe das Studium einen hohen praktischen Anteil wie etwa ein dreimonatiges Gemeindepraktikum. Der Ablauf gleiche aber der Ausbildung der übrigen Priesterseminare, "weil es ja um dieselben Ausbildungsziele geht: Um die theologische Bildung, aber eben auch um die menschliche Reifung und eine Einführung in das geistliche Leben".

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Sascha Heinrich hat sich erst spät dazu entschieden. Doch für ihn ist es eine Berufung, Priester zu werden. Ausgebildet wird er dazu in einem speziellen Spätberufenenseminar.

Durch das Zusammenleben im Seminar würde auch die spirituelle Entwicklung gefördert, so der Regens weiter. Gemeinsames Gebet und Gottesdienstfeiern gehörten zum Alltag in St. Lambert. "So können die Kandidaten immer mehr ihre eigene Berufung finden und in die priesterliche Lebensform hineinwachsen." Nach dem Studienabschluss geht es für die Absolventen ins Pastoralpraktikum ihres Heimatbistums oder  ihrer Ordensgemeinschaft. Anschließend können sie dort zum Diakon und danach zum Priester geweiht werden.

Weniger Priester – auch hier

40 Studenten aus 20 Bistümern und sechs Ordensgemeinschaften leben aktuell im Studienhaus St. Lambert. Die jüngsten Kandidaten sind 25, der älteste 52. Doch für Spannungen sorge das Lebensalter nicht, ist vom Regens zu hören. Natürlich würden sich die Jüngeren von den Älteren deutlich unterscheiden, meint Malburg. Seit dem Start in den frühen 70er Jahren haben in Lantershofen über 600 Männer einen theologischen Abschluss erworben. Davon empfingen 523 die Priesterweihe. Eine "Insel der Seligen" beim Thema Priestermangel ist es dennoch nicht. "Auch bei uns zeigen sich die Entwicklungen wie in anderen Priesterseminaren, dass weniger Kandidaten kommen", sagt Malburg und ist durchaus selbstkritisch. "Macht man den 3. Weg genügend bekannt? Wissen potenzielle Bewerber überhaupt, dass es diesen Weg gibt?"

Natürlich kann man keine Berufungen durch Werbung erzeugen.

Zitat: Regens Volker Malburg

Menschen, die ihre Berufsausbildung abgeschlossen und vielleicht sogar schon Jahrzehnte gearbeitet haben, fühlen laut Malburg oftmals dass da "mehr ist". Sie wüssten aber nicht, dass sie in einem Spätberufenenseminar diesem Wunsch und Gefühl nachgehen könnten. Gezielte Werbung sei da notwendig. Doch ihm ist auch klar: "Natürlich kann man keine Berufungen durch Werbung erzeugen." Das wolle man auch nicht. Männer sollten nur wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie ihrem inneren Ruf nachgehen wollen. Viele  haben das in der Vergangenheit bereits getan. Der Regens erzählt von vielen Seminaristen, die trotz Abitur lieber nach St. Lambert anstelle einer normalen Universität gegangen sind: "Auch weil sie vielleicht nicht unbedingt mit 20-Jährigen noch eine WG aufmachen wollen."

Dass Spätberufenenseminare auch heute noch viel Zulauf haben, mag auch an der veränderten Lebenseinstellung der Menschen liegen. Sie würden auch später noch über ihr Leben nachdenken und sich fragen, was sie wirklich machen wollen, so Malburg. "Da können auch Berufungen wachsen. Gerade da ist es wichtig, dass es Ausbildungsorte wie St.Lambert gibt. Die Kirche muss auch für solche Berufungen einen Ausbildungsweg anbieten."

Von Julia Martin