Eine Schwester, ein toter Papst und eine Lüge
Bild: © KNA
Margherita Marin über den Tod von Johannes Paul I.

Eine Schwester, ein toter Papst und eine Lüge

Johannes Paul I. starb am 29. September 1978 nach nur 33 Tagen im Amt. Seine Haushälterin Margherita Marin musste 39 Jahre warten, um ihre Version vom Tod des Papstes zu erzählen.

Von Thomas Jansen |  Vatikanstadt - 14.12.2017

Schwester Margherita Marin erinnert sich noch gut an diesen einen Satz: "Heiliger Vater, Sie dürfen nicht solche Scherze mit mir machen". Doch der Heilige Vater machte keine Scherze mehr. Als der so Angesprochene keine Antwort gab, betrat ihre Mitschwester beherzt das päpstliche Schlafzimmer. Im Bett fand sie einen toten Papst: Johannes Paul I.

39 Jahre musste sie mit ihrer Enthüllung warten

Schwester Margherita musste 39 Jahre warten, bis sie ihre Version jenes 29. Septembers 1978 erzählen durfte. Die italienische Ordensfrau ist die letzte Überlebende der vier Haushälterinnen des 33-Tage-Papstes. In einem Interview des Internetportals "Vatican Insider" schilderte die heute 76 Jahre alte Italienerin nun einige bislang unbekannte Details über die Auffindung des toten Papstes. So enthüllt sie etwa, was Johannes Paul I. unmittelbar vor seinem Tod gelesen hat.

Der Vatikan hatte Schwester Margherita totgeschwiegen. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte: dass ein verstorbener Papst von Frauen aufgefunden wird. Das erschien im Rom des Jahres 1978 noch unvereinbar mit der Würde dieses Amtes zu sein. Und so teilte der Vatikan nach dem Tod von Johannes Paul I. am 28. September 1978 zunächst mit, der tote Papst sei von seinem Privatsekretär gefunden worden. Doch diese Lüge hielt sich nicht lang. Schon bald wurde bekannt, dass die Vorsteherin des päpstlichen Haushalts, Schwester Vincenza Taffarel, den toten Papst gefunden hatte. Doch für ihre Begleiterin, Schwester Margerita, interessierte sich auch jetzt niemand.

Bild: © KNA

Der damalige Kardinal und Patriarch von Venedig, Albino Luciani, war am 26. August 1978 zum Papst gewählt worden und gab sich den Namen Johannes Paul I. Am 28. September starb er im Alter von 65 Jahren nach nur 33 Tagen im Amt. Er ging als der "lächelnde Papst" in die Kirchengeschichte ein.

Schwester Margherita schilderte den 29. September 1978 wie folgt: Ihre Mitschwester Vincenza habe gegen 5.30 Uhr vergeblich an der Tür des päpstlichen Appartements geklopft, nachdem der Papst nicht seinen üblichen Kaffee getrunken habe. Dann sei Vincenza eingetreten und habe gerufen: "Heiliger Vater Sie dürfen nicht solche Scherze mit mir machen". Als keine Antwort gekommen sei, habe Vincenza sie ins Zimmer gerufen. Dort habe der tote Johannes Paul I. im Bett gesessen. "Die Hände waren auf die Brust gestützt, so wie es passiert, wenn man beim Lesen einschläft", erzählte Schwester Margherita. "Sein Gesichtsausdruck war entspannt, nicht leidend, mit einem leichten Lächeln, es schien, als schlafe er".

Schwester Margherita als Zeugin geladen

Schwester Margherita wurde auch als Zeugin für den Prozess zur Seligsprechung von Johannes Paul I. befragt. Anlass des Interviews war die Vorstellung eines neuen Buchs, das die Todesumstände des Papstes auf Basis bislang unbekannter Dokumente für den Prozess rekonstruiert. Nach offizieller Darstellung erlag Johannes Paul I. am 28. September 1978 einem Herzinfarkt. Der unerwartet frühe Tod dieses Papstes hatte jedoch Spekulationen über eine mögliche Ermordung wachgerufen.

Weiter berichtete Schwester Margherita, Johannes Paul I. habe noch seine Brille getragen, als er tot im Bett saß, und habe drei Schreibmaschinen-Blätter in den Händen gehabt. Darauf habe sie nur die Wörter "Fresser" und "Säufer" entziffern können. Sie stammen aus dem Matthäus-Evangelium, wo es in Kapitel 11 Vers 19 heißt: "Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen". Schwester Margherita vermutet, "dass er das gelesen hat, um sich auf das Angelus-Gebet des folgenden Sonntags oder die Generalaudienz vorzubereiten". Der Vatikan hatte einst auch hier etwas anderes mitgeteilt. Nämlich, dass der tote Papst die "Nachfolge Christi" von Thomas von Kempen in den Händen gehalten habe.

Von Thomas Jansen