Die Fußballerin Alina Tselutina setzt auf einem Spielfeld zum Schuss an.
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Blondine im Mittelfeld

Sport - Sie fühlte sich wie in einem modernen Märchen: der Sport, die Reise nach Deutschland, das Training mit den Besten der Besten. Zum Profi hat es nicht gereicht, dafür mangelte es vor allem an der Technik. Doch von ihren Erlebnissen kann Alina Tselutina eine Weile zehren. Die junge Fußballerin aus der Ukraine war Ende September zu Gast beim Bundesligisten FC Bad Neuenahr und hat dort vier Tage mit den Profis trainiert.

Bonn - 05.10.2012

So wurde für die 19-Jährige ein Traum Realität, der noch vor wenigen Jahren unerreichbar schien. Denn bis zu ihrem 17. Lebensjahr lebte Tselutina in ukrainischen Kinderheimen, einige Jahre sogar auf den Straßen von Odessa.

Dann wurde Tselutina von den Mitarbeitern des Projekts "The Way Home" aufgefangen. Der ukrainische Partner von Caritas international hat sich zum Ziel gesetzt, obdachlosen Jugendlichen eine Perspektive zu bieten – ihnen also sprichwörtlich den "Weg nach Hause" aufzuzeigen. Sergey Kostin leitet das Projekt, ihm stehen 40 Sozialarbeiter zur Seite. Sie betreiben ein Heim, in dem die Jugendlichen wohnen, betreut werden und lernen, sich in die Gemeinschaft zu integrieren.

Kampf gegen Alkohol und Drogen

Damit sie auch denen helfen können, die keinen Platz im Heim bekommen haben oder lieber unter sich bleiben wollen, hat Kostin einen mobilen Hilfsdienst eingerichtet. Mit zwei Kleinbussen fahren die Helfer durch Odessa, um die Jugendlichen in deren Unterschlüpfen aufzusuchen, sie mit Medikamenten zu versorgen oder einfach nach dem Rechten zu sehen. Denn neben sozialen Problemen kämpfen viele der Jugendlichen auch gegen Alkohol- und Drogensucht. Kostin schätzt, dass insgesamt rund 1500 Kinder und Jugendliche betreut werden, die meisten davon leben auf der Straße.

Fußball hält mich am Leben

Zitat: Alina Tselutina

Mit ihrer Zwillingsschwester Oksana kam Alina Tselutina in dem Wohnheim des Projekts unter. Bei einem Sommer-Zeltlager fiel den Betreibern ihr Talent am Ball auf. Und seitdem macht die zierliche Blondine als Mittelfeldspielerin auf sich aufmerksam. Gleich zwei Vereine interessierten sich für das Talent – auch der Trainer der ukrainischen Nationalmannschaft hat sich ihren Namen bereits notiert.

Ausbildung erfolgreich absolviert

Nun also Deutschland und der FC Bad Neuenahr. Trainer Collin Bell: "Ich denke, für sie war es eine tolle Erfahrung, den Trainingsalltag einer Bundesliga-Mannschaft mal hautnah mitzuerleben – so als kleiner Einstieg." Zur ganz großen Karriere wird es wohl nicht reichen, aber das nimmt Tselutina locker. Dass sie auf Anhieb in der Bundesliga Fuß fasst, hat ohnehin niemand erwartet. Dafür sind die Unterschiede zwischen dem mehrfachen Welt- und Europameister und der Ukraine viel zu groß.

Mit Hilfe von "The Way Home" hat Tselutina jedoch eine Ausbildung als Fernmelde-Operateurin auf der Marine-Akademie in Odessa absolviert und damit auch jenseits des Sports gute Aussichten, ihr Leben zu meistern. Der Ball wird sie jedoch weiterhin begleiten, wenn auch nur als Hobby. Denn von einem ist Tselutina überzeugt: "Fußball ist das, was mich am Leben hält und wo ich mich gefunden habe."

Von Michael Richmann