Wie politisch dürfen die Bischöfe sein?
Joachim Frank zur Debatte um Christentum und Politik

Wie politisch dürfen die Bischöfe sein?

Politische Predigten haben weihnachtlichen Unfrieden ausgelöst – und eine Debatte: Was ist die Rolle der Kirche und der Bischöfe im politischen Diskurs? Joachim Frank kommentiert das Verhältnis von biblischer Botschaft und Politik.

Von Joachim Frank |  Köln - 30.12.2017

Verkehrte Welt zur Weihnacht und in den Tagen danach? Der oberste Vertreter des Staates wurde in seiner Fernseh-Botschaft am 25. Dezember ausgesprochen pastoral. In den Kirchen dagegen predigten die Oberhirten oft dezidiert politisch. Und im Deutschlandfunk erklärte der Passauer Bischof Stefan Oster, wie beides zusammenpasst – positiv und negativ: Es sei kein Zufall, dass in den allermeisten Ländern, wo Demokratien funktionieren, eine christliche Kultur vorausgegangen sei. Es gebe, so Oster, "einen inneren Zusammenhang zwischen dem christlichen Fundament und einer funktionierenden Demokratie". Entchristlichung hingegen trage zur politischen Instabilität bei. Deshalb sorgt sich der Bischof "um unsere Demokratie".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält seine Weihnachtsansprache im Schloss Bellevue.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht am 21.12.2017 in Berlin nach der Aufzeichnung zur Weihnachtsansprache im Schloss Bellevue.

Demgegenüber warb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an Weihnachten ostentativ um Vertrauen, auch mit Blick auf den momentanen politischen Schwebezustand in Berlin. "Der Staat handelt nach den Regeln, die unsere Verfassung für eine Situation wie diese ausdrücklich vorsieht." Nicht alles Unerwartete müsse uns das Fürchten lehren, sagte Steinmeier. "Wären wir Menschen nicht auch mutig und offen für das Unerwartete, dann wären schon die Hirten vor Bethlehem auseinander gelaufen."

Selbstüberhöhung des verfassten Christentums

Seltsam, dass der Staatsmann diesen weihnachtlichen Gedanken für die Gesellschaft formuliert, nicht der Kirchenmann. Osters Sorge, in der "entchristlichten" Gesellschaft erodierten Werte und politische Tugenden, ist ein altes Stereotyp gegen die Säkularisierung und die weltanschaulich neutrale Demokratie. Die Kritik läuft letztlich auf eine Selbstüberhöhung des verfassten Christentums hinaus, die historisch und mit Blick auf die aktuelle Weltlage gleichermaßen fragwürdig ist. Inwiefern läuft es eigentlich in Ländern mit "christlicher Kultur" wie Polen oder Ungarn derzeit so gut für die Demokratie? Unter Berufung auf eben die "christliche Kultur" betreiben die dortigen Regierungen unter anderem eine Migrationspolitik, die nicht einmal in Ansätzen das Prädikat "christlich" verdient. In Russland wiederum entfernt sich Präsident Wladimir Putin mit dem Segen der orthodoxen Kirche immer weiter von demokratischen Standards.

Bild: © katholisch.de

Ein Freund klarer Worte: Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki.

Das immerhin ist in Deutschland, nun doch noch nicht gänzlich entchristlicht, anders. Da reden die Kirchenführer den Politikern gehörig ins Gewissen. Gerade in diesen Tagen haben politische Predigten unweihnachtlichen Unfrieden ausgelöst. Auf Kritik der Kirchen folgt Kirchenkritik – auch sie mit Stereotypen und den immer gleichen Phrasen. Die abgedroschenste davon hat CDU-Vize Julia Klöckner bemüht: Die Kirchen sollten bitteschön vom Glauben reden und jedenfalls mehr von der Christenverfolgung oder der aktiven Sterbehilfe als von "Windenergie und grüner Gentechnik". Gesellschaftspolitische Haltungen – ja. Gepredigte Parteiprogramme – nein. Schließlich sei die Bibel "umgekehrt auch kein Wahlprogramm für uns Politiker", sondern sie könne "ein guter persönlicher Kompass sein".

Unbiblische Scheinratschläge

Typischerweise kommen die völlig unbiblischen Scheinratschläge zur Selbstbescheidung christlicher Verkündigung auf eine individuelle Tugend-Ethik immer von denen, denen gerade nicht passt, was die Kirchen monieren. Als "Unfug" hat Kardinal Rainer Woelki den Vorwurf einer parteipolitischen Engführung in der kirchlichen Verkündigung bezeichnet. Es empfiehlt sich, dazu einmal die Predigt des Kölner Erzbischofs vom 25. Dezember zur dramatischen Lage auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland nachzulesen. "Weil Gott aber an Weihnachten in der Menschwerdung seines Sohnes unter uns Wohnung genommen hat, können wir zu dem nicht einfach schweigen, wenn Menschen heute kein Zuhause, keine Wohnung finden, wenn Mieten Menschen für ihr Zuhause die Luft abschnüren und sie an den Rand gedrängt werden", sagte Woelki im Dom. Und: "Wie soll denn ein Gemeinwesen, wie eine Stadt funktionieren, wenn sich Durchschnitts-Verdiener wie eine Krankenschwester, wie der Mann von der Müllabfuhr, der Busfahrer oder der Polizist Wohnen nicht mehr leisten können?"

Wer Woelkis Warnungen für Parteien-Rhetorik hält oder immer noch denkt, sie hätten nichts mit dem christlichen Glauben oder der Botschaft von Weihnachten zu tun, dem ist nicht zu helfen. Bischöfen, die mit Demokratie-Kritik die Kirche in ein besseres Licht rücken wollen und dabei deren eigene Demokratie-Defizite ignorieren, allerdings auch nicht.

Von Joachim Frank