Franz-Josef Overbeck im Porträt
Ruhrbischof fordert von seinen Gläubigen Perspektivwechsel

Overbeck: Kirche ist mehr als kleine Welt der Gemeinde

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck fordert die Gläubigen in seinem Bistum auf, ein "überkommenes Kirchturmdenken" aufzugeben. Lernen könne man dabei gerade von den Menschen, die der Kirche fernstehen.

Essen - 15.01.2018

Vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Kirche fordert Essens Bischof Franz-Josef Overbeck die Katholiken des Ruhrbistums zu einem Perspektivwechsel auf. "Wir müssen lernen, ein überkommenes 'Kirchturmdenken' zu überwinden, das nur die eigene kleine Welt der jeweiligen Gemeinde, des Verbandes, der Organisation oder Einrichtung sieht", schreibt er in seinem "Bischofswort zum Jahr 2018".

Katholisch bedeute, "über alle Grenzen der Erde hinweg verbunden zu sein". Kirche sei nicht zu allererst an Orte und Gebäude gebunden, sondern an Gott. Solche katholische Haltung ermögliche es auch "alles loszulassen, was nicht festzuhalten ist" – und auch in scheinbar schwierigen Veränderungen den Geist Gottes zu sehen.

Eine Abkehr von "Kirchtürmen" sei auch im übertragenen Sinn notwendig, so der Bischof weiter: "Gerade in unseren inneren kirchlichen Kreisen übersehen wir, dass es viele Menschen gibt, die mit uns sympathisieren und neugierig aufs Christentum sind, ohne sich für das überkommene kirchliche Leben zu interessieren."

Konkret nennt Overbeck die "80 bis 90 Prozent aller Kirchensteuerzahler", die nicht oder kaum am Gemeindeleben teilnehmen. Um Begegnung mit ihnen zu ermöglichen, brauche es "ganz andere Formen und Weisen kirchlichen und christlichen Lebens – auch außerhalb unsrer alten 'Kirchtürme' an ganz neuen Orten".

"Das schmerzt und macht mich traurig"

Der Bischof geht zudem auf Probleme ein, die mit den derzeitigen Veränderungsprozessen im Ruhrbistum einhergehen. "Mit Erschrecken" stelle er fest, so Overbeck, dass nicht wenige Kirchenmitglieder ihre Glaubenspraxis und Kirchenzugehörigkeit aufgeben würden, wenn es an einem Ort nicht so weitergehe wie bisher. "Das schmerzt und macht mich traurig."

Dagegen sei er über jeden innerhalb der Kirche froh, der sich engagiere statt zu resignieren und der mitarbeite etwa am Pfarreientwicklungsprozess und sich nicht abwende, schreibt Overbeck. Auch unterstütze er alle Überlegungen, jene Menschen zu erreichen, die in Distanz zur Kirche stehen. Von ihnen könne die Kirche lernen. "Sie denken nicht in Kategorien, die uns vertraut sind. Sie denken oft flexibler, offener, vielfältiger, sie stellen unsere gewohnten Kirchenbilder und auch unsere Glaubensvorstellungen infrage."

Zugleich aber suchten die Fernstehenden nach einer Begründung für ihre Werte und fragten auf neue unkonventionelle Art nach Gott. Das könne der Kirche helfen, den eigentlichen Herausforderungen nachzukommen, vor denen sie stehe.

Das Bischofswort wurde am Wochenende in allen Gemeinden des Ruhrbistums verlesen und jetzt auf der Homepage der Diözese veröffentlicht. (tmg/KNA)