Eine indische Christin hält einen Rosenkranz in der Hand.
Religion gerät zunehmend unter Druck der nationalistischen Regierung

Warum in Indien die Gewalt gegen Christen zunimmt

Viele von ihnen sind Kastenlose auf der untersten Stufe der sozialen Ordnung. Gleichzeitig sind Christen im indischen Unterhaus gut vertreten, ihre Schulen gehören zu den besten des Landes. Diese Mischung führt zu einer bedrohlicheren Lage.

Von Roland Müller |  Bonn - 17.03.2018

Eine Marienstatue wird zerstört, ein Kardinal erhält Todesdrohungen, eine Nonne wird vergewaltigt –fast täglich wird aus Indien von Gewalttaten gegen Christen berichtet. "Es geschehen schlimme Menschenrechtsverletzungen", bestätigt Anselm Meyer-Antz. Der Indien-Referent des katholischen Hilfswerks Misereor sieht die Christen des Subkontinents in einer schwierigen Situation: "Sie machen nur etwa 2,3 Prozent der Bevölkerung aus, sind aber teilweise kulturdominant". Damit zögen sie den Neid von Teilen anderer Religionsgruppen auf sich. Die große Mehrheit von knapp 80 Prozent der Inder sind Hindus. Der Islam hat einen Anteil von 14 Prozent.

Christliche Schulen gehören zu besten des Landes

In der Lok Sabha, dem indischen Unterhaus, beispielsweise, seien Christen gemessen am sehr geringen Bevölkerungsanteil stark überrepräsentiert, so Meyer-Antz. Zudem gebe es in Indien viele christliche Schulen, die zu den besten Bildungseinrichtungen des Landes gehörten. Viele Mitglieder der politischen und sozialen Oberschicht würden dort ausgebildet. Zu einem Großteil Hindus, doch da es sich um kirchliche Schulen handele, auch Christen.

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Video: © Claudia Zeisel

Bei der Misereor-Fastenaktion 2018 steht Indien im Fokus.

"Viele Hindus nehmen das als bedrohliche Dominanz der Christen wahr", weiß Meyer-Antz. Er gibt zu: "Von außen erscheint das wie Elitenbildung." Doch die Christen selbst seien meist nicht Teil der gesellschaftlichen Oberschicht. Sie befinden sich außerhalb des indischen Kastensystems, das eine strikte Trennung zwischen den gesellschaftlichen Gruppen fordert. Oft sind sie Dalits, also Kastenlose, und damit auf der untersten Stufe der sozialen Ordnung. Dennoch gibt es gerade in den südlichen und nordöstlichen Regionen Indiens, in denen die Christen stärker vertreten sind, auch einige wohlhabende Gläubige.

Vorurteile gegenüber den Christen haben in den letzten zwanzig Jahren zu Gewalt von Seiten militanter Hindus geführt. Die angespannte Situation werde durch eine verstärkt nationalistisch ausgerichtete Politik verschlimmert, erklärt Meyer-Antz. "Viele Hindus entwickeln einen Reflex der Eigenständigkeit und wollen ihre Heimat zurück", so der Indien-Experte. "Indien den Hindus" sei die Devise, die auch von der indischen Volkspartei BJP unterstützt werde. Sie vertritt einen konservativen Hindu-Nationalismus und stellt seit 2014 die Regierung mit Premierminister Narendra Modi an der Spitze. Mit Hilfe von fundamentalistischen Hindu-Milizen sichert Modi seine Macht.

Muslimen geht es noch schlechter

Oft gehe es den Muslimen sogar schlechter als den Christen, sagt Meyer-Antz. Sie seien bessere Ziele für Gewaltakte, wenn sich der "diffuse Volkszorn überkochend entlädt", da sie oft arm und schlecht ausgebildet seien. Zudem hätten sie dieselbe Religion wie das bei vielen Hindus verhasste Nachbarland Pakistan, das 1947 von Indien abgetrennt wurde. Doch seit einigen Jahren gebe es auch vermehrt Angriffe gegen Christen. "Die Bedrohungslage ist stark gestiegen", glaubt Meyer-Antz.

Das sieht auch Sajan K. George so. Der Präsident des "Globalen Rates der indischen Christen" macht eine "wachsende Intoleranz gegen den christlichen Glauben" aus. "Im säkularen Indien fühlen sich rechtsgerichtete Gruppen davon ermutigt, dass der Regierung der Wille fehlt, diese gesellschaftlichen Teile unter Kontrolle zu halten, die ihre Terrorherrschaft gegen die winzige, verletzliche christliche Gemeinschaft fortsetzen", so George vor Kurzem in einem Interview mit der kirchlichen Nachrichtenseite AsiaNews. Er sprach von einer Verletzung der Religionsfreiheit.

Dabei hat das Christentum eine sehr lange Tradition in Indien: Der Überlieferung nach soll der Apostel Thomas den christlichen Glauben auf die Halbinsel gebracht haben. In Chennai im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu wird noch heute das Grab des Apostels verehrt. Historisch gesichert ist, dass das Christentum ab dem vierten Jahrhundert in Indien heimisch war - wohl durch aus Syrien eingewanderte Judenchristen. Das war in Europa nahezu vergessen worden. Die Kolonisatoren wunderten sich daher, als sie im 15. Jahrhundert christliche Kirchen in Indien vorfanden. In der Folgezeit gab es dann Missionswellen der katholischen Länder Portugal, Spanien und Frankreich. Auch englische Anglikaner und niederländische Protestanten verbreiteten das Christentum. Gemeinsam war den europäischen Missionsbemühungen, dass die oft mit Gewalt einhergingen und den schon bestehenden christlichen Kirchen keine Eigenständigkeit zugestanden.

Linktipp: Misereor-Fastenaktion in München eröffnet

Unter dem Motto "Heute schon die Welt verändert?" ist am Sonntagvormittag in der Münchner Liebfrauenkirche die Misereor-Fastenaktion eröffnet worden. Beispielland der Kampagne ist in diesem Jahr Indien.

Heute ist die katholische Kirche mit 17 Millionen Gläubigen die größte Konfession in Indien. Etwa zehn Millionen folgen dabei dem lateinischen Ritus. Sechs Millionen Gläubige gehören zur Syro-Malabarischen Kirche, die mit Rom uniert ist und zu den Thomaschristen zählt. Sie feiern die Liturgie nach ostsyrischem Ritus. Ihr Name rührt von der Malabarküste im Südwesten Indiens her, wo sie heimisch sind. Zur Syro-Malankarischen Kirche, die ebenfalls mit dem Papst in Einheit steht, gehören eine Million Gläubige. Sie folgt dem Antiochenischen Ritus. Auch viele protestantische und evangelikale Kirchen sind in Indien vertreten.

Mission ist verboten

Obwohl Misereor ein katholisches Hilfswerk ist, spielen konfessionelle oder religiöse Zugehörigkeiten keine Rolle bei den geförderten Projekten, sagt Meyer-Antz. In diesem Jahr ist Indien zudem das Beispielland der Fastenaktion. Religiöse Aspekte stehen dabei nicht im Fokus der Hilfsaktionen und –projekte. "In Indien ist Mission verboten", erklärt Meyer-Antz die indischen Gesetze. Das Land mit mehr als einer Milliarde Einwohner und einer riesigen kulturellen Vielfalt werde von einer fragilen Balance der Religionen zusammengehalten. Doch im Moment sieht es danach aus, dass militante Hindus das Gleichgewicht zu ihren Gunsten verschieben wollen. Zum Nachteil der religiösen Minderheiten, wie auch der Christen.

Von Roland Müller