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Ein spiritueller Impuls von Schwester Kerstin-Marie Berretz

Nicht das endgültige Aus

Glaube - Die Tage im November werden kürzer und kürzer, ja manchmal kann man das Gefühl haben, es will gar nicht richtig hell werden. Das ist vor allem dann so, wenn auch noch typisches Novemberwetter dazu kommt: Nebel, feiner Regen, eine unangenehme Kälte. Wer dann nach draußen muss, kann in der Natur fast nichts mehr von der Farbenpracht entdecken, die den goldenen Oktober noch so schön gemacht hat.

Bonn - 17.11.2013

Die bunten Blätter sind von den Bäumen gefallen und liegen braun am Boden. Die glänzenden Kastanien sind verschwunden, die leuchtenden Sonnenblumen verblüht - und spätestens, wenn der erste Frost kommt, werden auch die Blüten der Astern braun und unansehnlich.

Alles ist dunkel, grau und unfroh. Wenige Wochen später lassen die vorweihnachtlichen Beleuchtungen alles glitzern und strahlen, aber in den Tagen des Novembers ist das Grau die vorherrschende Farbe.

Kein Wunder also, dass der November der Monat ist, an dem der Tod und das Ende des Lebens eine große Rolle spielen, gibt doch die Natur dieses Thema quasi vor. Dabei kann es tröstlich sein, wenn zu Allerheiligen und Allerseelen die Gräber geschmückt werden und sich ganze Familien auf dem Friedhof treffen, um an ihre Verstorbenen zu denken.

Aber diese Besuche machen deutlich: Jemand, den man sehr gern hatte, ist tot. Er oder sie ist nicht mehr unter uns, ist vergangen, so wie die Blumen und Blätter vergangen sind. Das lässt sich nicht schön reden, stattdessen wird gerade in den Novembertagen bewusst, dass jemand fehlt. Vielleicht jemand, der in schwierigen Situationen eine Lösung finden konnte, vielleicht der geliebte Partner oder die Eltern, die doch immer da waren.

Geburt und Wiedergeburt

Sie fehlen, so wie die bunten Blumen im Garten jetzt fehlen. Aber genau bei ihnen, den bunten Blumen, kann man entdecken, dass der Tod doch nicht das endgültige Aus ist. Zwar verschwinden die Blumen über den Winter, aber sie verschwinden nicht für immer. Auf unterschiedliche Weise kehren sie im Frühjahr und Sommer wieder.

Sei es, dass die Wurzel überwintert wurde und im Frühling wieder in den Garten gesetzt werden kann; sei es, dass die Pflanze zurückgeschnitten wird und unter einer dicken Schicht Mulch darauf wartet, im Frühjahr wieder austreiben zu können; oder sei es, dass die Zwiebel in der Wintererde bleibt und mit den ersten warmen Strahlen ihre grünen Triebe über die Erde bringt.

Kerstin-Marie Berretz OP.
Bild: © katholisch.de

Kerstin-Marie Berretz OP.

Genauso spricht im 14. Jahrhundert der Dominikaner und Mystiker Heinrich Seuse von der Geburt und Wiedergeburt des Menschen. Die Geburt ist die Geburt in das irdische Leben, auf diese Welt. Nach dem Tod wird der Mensch wiedergeboren, aber nicht, wie viele glauben, wieder in ein anderes Leben in diese Welt. Stattdessen wird der Mensch nach diesem Leben in Gott wiedergeboren. Für den Menschen ist, genauso wie für die Natur, das Leben nicht für immer vorbei. Es geht weiter, aber anders.

In einer anderen Wirklichkeit

So, wie die wunderschönen Blüten verblühen und vergehen, so vergeht der Mensch auf dieser Erde und stirbt. Und genauso wie die Natur sich im Winter zurückzieht und für uns nicht mehr sichtbar ist, so zieht sich der Mensch zurück: Er wird ins Grab gelegt und ist nicht mehr sichtbar. Aber er wird wiedergeboren in Gott, in eine andere Wirklichkeit.

Ebenso "stirbt" die Tulpe, nachdem sie als Frühlingsbotin gezeigt hat, dass das Leben wieder aufblüht. Aber von ihr bleibt die Zwiebel, die in die Erde gelegt werden muss, damit sie im nächsten Jahr wieder austreiben kann.

Das ist dann eine neue Tulpe, deren Blüte vielleicht sogar eine etwas andere Farbe hat als die aus dem Vorjahr. Aber sie ist gewachsen aus der gleichen Zwiebel. Und so bleibt der Mensch und ist nicht endgültig tot, auch wenn er nicht auf dieser Welt wiedergeboren wird, sondern in Gott, in einer völlig anderen Wirklichkeit.

Vielleicht also können Tulpen, Schneeglöckchen und Weiden uns im nächsten Frühling daran erinnern, dass die, die wir verloren haben und um die wir trauern, nicht endgültig tot sind, sondern aufblühen in einer anderen Wirklichkeit.

Von Kerstin-Marie Berretz OP