Ein satirischer Wochenrückblick von Alexander Brüggemann

Staub statt Sterne

Aktualisiert am 23.06.2018  –  Lesedauer: 
War's das?

Bonn ‐ Ganz Argentinien fieberte mit, als ihr Messi(as) sich bei der WM gegen Kroatien abstrampelte, außer Papst Franziskus: Er saß im Flieger nach Rom - und in Italien ließ die Polizei eine Bande falscher Kardinäle hochgehen.

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Darf ein Papst genüsslich sardischen Kuchen essen und über Gott und die Welt reden, wenn sein Heimatland gerade fußballerisch von den Sternen in den Staub zu versinken droht? Um 20.00 Uhr hob Franziskus nach seinem Besuch beim Weltkirchenrat vom internationalen Flughafen Genf ab. Zeitgleich wurde um 20.00 Uhr deutscher Zeit in Nischni Nowgorod an der Wolga Argentiniens zweites WM-Gruppenspiel angepfiffen, das sich im Verlauf des genau ein Fußballspiel langen Papstflugs zu einem Waterloo entwickelte.

Während Ersatzkeeper Wilfredo Caballero mit einer Slapstick-Einlage die Niederlage einleitete – seine entsetzt aufgerissenen Augen im Moment des Versagens waren unglaublich –, sprach der Papst bei seiner "Fliegenden Pressekonferenz" über Migration, Kommunion und Ökumene. Und er dankte dem künftigen Kardinal Angelo Becciu für die Begleitung seiner Reisen mit einem sardischen Kuchen.

Sicher keinen russischen Zupfkuchen hatte Argentiniens einstige Fußballikone Diego Maradona zu sich genommen. Es muss etwas Stärkeres gewesen sein – denn er lieferte auf der Tribüne eine irre, ja zugedröhnte himmelblaue Jubel-Show ab. Die verwandelte sich freilich im Verlauf der zweiten Halbzeit gegen Kroatien immer mehr in einen tränenreichen Katzenjammer. Hand-Gottes-Dämmerung. Als der Papstflieger in Rom-Ciampino landete, fiel 2.760 Kilometer Luftlinie entfernt an der Wolga gerade das 0:3.

Apropos WM: Mein bisheriger WM-Held ist der Iraner Milad Mohammadi. 0:1 gegen Spanien – in der 94. Minute steht sein Land nur noch Sekunden vor dem Ausscheiden. Ein Tor muss her, koste es, was es wolle. Einwurf an der linken Außenseite, die wohl letzte Chance. Doch Mohammadi sieht seinen Moment in der Weltgeschichte gekommen; alle Kameras sind auf ihn gerichtet. Statt einfach einzuwerfen, um den Ball in Richtung Tor zu bringen, geht der 24-Jährige ganz ganz langsam zurück an die Bande, herzt und streichelt den Ball, legt ihn noch einmal an seine Stirn, wartet. Die Zeit verrinnt. Dann endlich der Anlauf – und ein Salto, der im wahrsten Sinne des Wortes mortale ist – tödlich für die WM-Chancen des Iran. Der Schwung passt nicht, der Möchtegern-Held muss abbrechen. Im zweiten Versuch folgt ein ganz normaler Einwurf – und der Abpfiff.

Und was war noch? Italiens Polizei stoppt eine Betrügerbande mit "falschen Kardinälen", falschen Bankiers und Finanzexperten. Sie hatten zum Beispiel Gewinn versprechende Geldanlagen in vatikanische und luxemburgische Fonds versprochen und Fälscherkunst angeboten. Die Ermittler entdeckten drei Millionen Euro Falschgeld, falsche Zertifikate für vatikanische Goldbarren und einen Priestertalar als Verkleidung. So falsch.

Und der Kölner Dom wurde evakuiert, nachdem ein verdächtiger Mann "auf den Knien herumgerutscht" war. Ist Knien nicht eine traditionelle Gebetshaltung? Ist es schon so weit, dass man beim Knien in Terrorverdacht gerät?

Nun ja – noch ist Deutschland nicht ganz verloren; und Argentinien auch nicht, nur fast. Wäre die "Albiceleste" mal vor der WM doch zum Papst gefahren – wie dieser schon stolz angekündigt hatte. Am Freitagabend verabschiedete sich Franziskus von den Journalisten: "Guten Appetit, ein schönes Abendessen und vielen Dank! Und betet für mich."

Von Alexander Brüggemann