Der Reliquien-Kult passt zum Denken des modernen Menschen

Jette Joop und die Reliquien

Aktualisiert am 17.06.2014  –  Lesedauer: 
Bild: © KNA
Wallfahrt

Aachen ‐ Jette Joop denkt voraus. Wenn die 46-jährige Designerin mal tot ist, möchte sie, "dass meine Asche zu einem Diamanten gepresst wird". Tochter Johanna soll den "Edelstein" um den Hals tragen - und die Mutter als ständige Begleiterin in Ehren halten. Auch wenn Jette Joop keine Heilige ist, ihre Zukunftsplanung knüpft - sicher ungewollt - an den Umgang der katholischen Kirche mit Reliquien an.

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Das wird auch bei der am Freitag beginnenden Aachener Heiligtumsfahrt wieder zu beobachten sein. Denn Reliquie bedeutet übersetzt "Überrest" oder "Überbleibsel". Von der Frühzeit der Kirche an wurden Körperteile von Heiligen aufbewahrt oder mit ihnen oder Jesus in Verbindung stehende Gegenstände in Ehren gehalten - um so nicht nur geistig, sondern auch körperlich in Verbindung zu bleiben mit den für das persönliche (Glaubens-)Leben wichtigen Persönlichkeiten.

Vor allem im Mittelalter erlebte der Reliquienkult seine Blüte. Denn den Heiligen wurde damals eine überaus große Heilskraft zugeschrieben - und entsprechend auch ihren Körperteilen oder den von ihnen berührten Dingen. In diesem Denken wurzelt auch die Verehrung der vier Tuchreliquien in Aachen, der Überlieferung nach das Kleid Mariens aus der Heiligen Nacht, Windeln Jesu, sein Lendentuch und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers. Die Textilien, die ein Mönch im Jahr 799 Karl dem Großen schenkte, werden gewöhnlich in einem Schrein im Aachener Dom aufbewahrt und nur zu der seit dem Jahr 1349 im Sieben-Jahres-Rhythmus stattfindenden Aachener Heiligtumsfahrt gezeigt.

Aufmerksamkeit auf biblische Personen lenken

Allerdings hat sich inzwischen das Verständnis von Reliquien grundlegend gewandelt. Es geht nicht um Zauberei. Vielmehr unterstreicht der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff als Gastgeber den "Hinweischarakter" der Reliquien; sie sollen die Aufmerksamkeit auf die biblischen Personen lenken. Über solche Symbole könnten Christen den Glauben besser verstehen.

Diese Deutung lässt auch die immer wieder diskutierte Frage nach der Historizität der Tücher in einem anderen Licht erscheinen. Ganz gleich ob echt oder nicht - sie wollen ein Zeichen für die Menschwerdung und das Sterben Jesu Christi sein. Historisch gesichert ist, dass die Reliquien aus den ersten beiden christlichen Jahrhunderten und dem Umkreis Palästinas stammen und damit in Ursprungszeit und -raum des Christentums reichen. Weitere Untersuchungen über die Echtheit lehnt das Bistum ab. Die Begründung: Selbst wenn die Herstellung der Tücher exakt zeitlich bestimmt werden könnte, wäre eine Zuordnung zu den Personen immer noch unmöglich. Zudem gingen bei den Untersuchungen immer wieder wertvolle Stoffstücke verloren.

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Video: © Björn Odendahl

Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff über Reliquien und die Heiligtumsfahrt 2014

Nur das Marienkleid wird entfaltet

In früheren Zeiten wurden die vier Heiligtümer von der Galerie des Domes aus dem Volk präsentiert. Bei der zehntägigen Heiligtumsfahrt werden sie zu Beginn der täglichen Pilgermessen und in einer Truhe im Dom gezeigt. Das Marienkleid, eine antike häusliche Webarbeit ohne Naht, ist 153 Zentimeter lang. Die Spannweite der Ärmel beträgt 132 Zentimeter. Der linke Ärmel ist kürzer; offenbar wurde von ihm früher einmal etwas abgeschnitten. Das Kleid wird als einziges der vier Heiligtümer entfaltet.

Der fast wie Filz wirkende dicke Stoff der Windeln bleibt zusammengefaltet, ebenso das aus einem größeren Gewand geschnittene Lendentuch sowie das mit Flecken versehene feine Gewebe, in welchem das Haupt von Johannes dem Täufer nach seiner Hinrichtung geborgen worden sein soll.

Neben diesen vier Heiligtümern kamen einst noch drei weitere Tücher Jesu nach Aachen: ein Schürztuch, das er sich bei der Fußwaschung umgebunden haben soll, ein Grabtuch sowie ein den Kopf des Leichnams bedeckendes Schweißtuch. Auch diese drei Tücher werden bei der Heiligtumsfahrt gezeigt - allerdings nicht im Dom, sondern in der Abtei Kornelimünster im Süden der Stadt. Denn Kaiser Ludwig der Fromme (814-840) schenkte dem Kloster die Tücher aus dem Reliquienschatz von Karl dem Großen.

Von Andreas Otto (KNA)