Bunte Tradition mit langer Geschichte
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Fronleichnam spielt in Polen nach wie vor eine große Rolle

Bunte Tradition mit langer Geschichte

Fronleichnam - In ganz Polen ist Fronleichnam ein gesetzlicher Feiertag, in der Region Ermland (Warmia) wird er jedoch besonders andächtig begangen. Ein Besuch.

Ermland - 19.06.2014

Nicht nur die Kirchen werden in den Ortschaften besonders herausgeschmückt. Auch fast alle ermländischen Dörfer putzen sich heraus, wenn die Fronleichnams-Prozessionen durch die Straßen ziehen. "Ich freue mich immer wieder, wenn ich auf der Straße alle Gemeindemitglieder sehe, die sonst im Alltag ihren Glauben nicht so stark zeigen", sagt der 58-jährige Geistliche. Laut Statistik sind zwar neun von zehn Polen katholisch, zunehmend weht jedoch auch zwischen Oder und Bug ein säkularer Wind. Die Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher ist stark rückläufig.

Die öffentliche Glaubensbekundung ist eines der später dazugekommenen Motive der Fronleichnamsprozessionen. Erstmals gefeiert wurde das Fest im Jahr 1246 im belgischen Lüttich. Papst Urban IV. führte es 1264 - also vor 750 Jahren - als allgemeines Kirchenfest ein, später wurde der zweite Donnerstag nach Pfingsten festgelegt. Zurück geht das "Fest des Leibes und Blutes Christi" auf eine Vision der später heiliggesprochenen Augustinernonne Juliana von Lüttich im Jahr 1209.

Erste Prozession auf das Ende des 13. Jahrunderts datiert

Fronleichnam leitet sich ab aus dem Althochdeutschen "fron" für "Herr" und "lichnam" für "Leib" ab. Auch die polnische Entsprechung "Boze Cialo", heißt übersetzt "Gottes Leib". Mit dem Feiertag erinnern Katholiken an die Gegenwart Jesu im Sakrament der Eucharistie. Die ersten Prozessionen werden auf das Ende des 13. Jahrhunderts datiert, damals durch Köln. In Polen zogen die ersten Gläubigen an Fronleichnam rund ein halbes Jahrhundert später durch die Straßen, erstmalig in Krakau. Zu jener Zeit, also im frühen 14. Jahrhundert, etablierte sich das Ermland als sogenanntes Fürstbistum: Der ermländische Bischof war im ausgehenden Mittelalter zugleich Reichsfürst.

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Im polnischen Ermland hat Fronleichnam eine große Tradition und wird prachtvoll zelebriert.

Mit dem Zweiten Thorner Frieden von 1466 ging das Bistum - ursprünglich gegründet als Teil des Deutschorden-Staates - an die polnische Krone. Im Zuge der Reformation wurde der Ordensstaat zwar säkularisiert und weitestgehend lutherisch. Ermland blieb aber weiterhin bei seiner Konfession und bildete spätestens nach der Teilung Polens 1772 - als es an das Königreich Preußen fiel - in Ostpreußen eine katholische Enklave.

In der Reformationszeit wurde das Fest zu einem konfessionstrennenden Merkmal. Martin Luther bezeichnete Fronleichnam gar als "allerschädlichstes Jahresfest"; die Prozessionen galten ihm als Gotteslästerung. Für die Katholiken war die Fronleichnamsprozession daher vielfach eine kämpferische und zugleich prachtvolle Demonstration ihrer Frömmigkeit.

Prozessionen haben im Ermland auch Bittcharakter

"Als das Ermland noch deutsch war, war es eine Möglichkeit, seinen katholischen Glauben zu zeigen und zu unterstreichen", sagt Gemeindepfarrer Tkacz. In der Nachbarregion Masuren, bis 1945 Teil des protestantischen Ostpreußen, gab es daher vor dem Zweiten Weltkrieg keine Prozessionen. "Im Ermland haben die Prozessionen zudem einen Bittcharakter", berichtet der Gemeindepfarrer. Etwa, um für eine gute Ernte zu beten, denn die Region ist seit jeher landwirtschaftlich geprägt.

Aus der Zeit der konfessionellen Teilung der Regionen Ermland und Masuren aber stammen die kleinen Kapellen in "Warmia", wie Ermland auf Polnisch heißt. Rund 1.500 von ihnen stehen am Straßenrand oder an Feldwegen um Olsztyn (Allenstein), der Hauptstadt der Region. Die kleinen sakralen Bauwerke fielen fast jedem Reisenden auf, der einst von Berlin durch das Ermland nach Königsberg fuhr. Als "stille Zeugen der Vergangenheit und des tiefen Glaubens der Menschen" bezeichnet sie heute Miroslaw Bojenko, Fotograf und Autor mehrerer Bildbände.

Manchmal ging es aber auch nur darum, dem Nachbarn zu zeigen, ich kann es mir leisten.

Zitat: Miroslaw Bojenko, Fotograf

Jede Kapelle habe ihre eigene Geschichte, weiß der 61-Jährige. Die älteste noch erhaltene wurde 1607 erbaut, aber nur über wenige gebe es noch eine Überlieferung. Mancherorts wurden die Kapellen aufgestellt, als das erkrankte Vieh wieder gesund wurde oder wenn ein Sohn aus dem Krieg zurückkehrte. "Manchmal ging es aber auch nur darum, dem Nachbarn zu zeigen, ich kann es mir leisten. So wie heute mit einem großen Auto", erklärt der Fotograf. Denn die Kapellen und die darin befindlichen Figuren stifteten Privatleute.

Dem Pfarrer wird auch schon mal unter die Arme gegriffen

Heute werden die Straßenkapellen an Fronleichnam mit besonders vielen Blumen geschmückt, denn jeweils vier in einem Dorf dienen während einer Prozession als Altäre. Vor ihnen macht der Umzug halt, damit die Teilnehmer kurze Gebete sprechen und singen können. "Und wir Pfarrer können die Monstranz einmal abstellen", sagt Pfarrer Tkacz lachend. Das kostbare Behältnis zur Aufbewahrung der Hostien der Braswalder St. Katharinen-Gemeinde stammt aus dem 17. Jahrhundert und wiegt mehr als drei Kilo.

Kein Wunder, dass - mitten in der Junisonne - die Runde um die Kirche und zu den Straßenkapellen mitsamt der Monstranz für manch ermländischen Geistlichen anstrengend werden kann. Dann wird die Prozessionsrangfolge auch schon mal flexibel ausgelegt, und zwei Gemeindemitglieder greifen Pfarrer Tkacz wortwörtlich unter die Arme. "Aber es müssen tüchtige Männer sein, sonst muss man sie noch selbst mitschleifen", sagt Tkacz. Es soll ja nichts dem Zufall überlassen werden.

Von Markus Nowak (KNA)