Pro und Contra: Liturgische Kleidung für Laien
Sollten Laien liturgische Gewänder tragen?

Pro und Contra: Liturgische Kleidung für Laien

Kultur - Eine Liturgiewissenschaftlerin plädiert für liturgische Gewänder auch für Laien. Ist das sinnvoll? Redakteur Tobias Glenz sagt ja, sein Kollege Felix Neumann ist so halb dagegen.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 07.07.2018

Pro: Macht euer wichtiges Amt sichtbar!

Die liturgischen Laiendienste zählen zweifelsohne zu den großen Errungenschaften des Zweiten Vatikanums. Das Konzil hatte sich von einem priesterzentrierten Liturgieverständnis verabschiedet. Fortan sollten die Gläubigen nicht mehr nur stummer Zuschauer bei gottesdienstlichen Feiern sein, sondern aktiv daran teilnehmen; die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium spricht von der "vollen, bewussten und tätigen Teilnahme" aller Gläubigen (vgl. SC 14). Dass heute Lektoren oder Kommunionhelfer ganz selbstverständlich zu unseren Gottesdiensten dazugehören, ist Frucht eben dieses erneuerten Kirchen- und Liturgieverständnisses.

Warum aber machen wir diese liturgische Aufwertung der Laien in vielen Gottesdiensten nicht von vornherein sichtbar? Natürlich: Wenn der Lektor zum Ambo tritt, der Kommunionhelfer zum Tabernakel schreitet, dann weiß die Gemeinde um ihre speziellen Aufgaben. Aber davor? In zahlreichen Gemeinden sitzen diese Gläubigen bis zu ihrem Dienst quasi anonym in der Kirchenbank.

Tragen nur der Priester, der Diakon und die Ministranten liturgische Kleidung, dann entsteht doch nach wie vor das Bild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: "wir" hier unten in den Bänken, "die" da oben im Altarraum. Wenn hingegen einer oder mehrere Laien in den Bänken ebenfalls Gewänder tragen, dann wird schon rein optisch eine Brücke geschlagen: Alle feiern gemeinsam Gottesdienst. Dazu gehört auch, dass sämtliche im Altarraum mitwirkenden Personen gemeinsam in die Kirche einziehen sollten.

Das liturgische Gewand für Laien bietet daneben weitere Vorteile: So unterstreicht es nicht nur die Festlichkeit und Würde der Liturgie. Das Verdecken der Alltagskleidung macht auch deutlich, dass hier etwas Besonderes, nicht Alltägliches stattfindet: Ich als Person – in meiner gewöhnlichen Kleidung – trete zurück, der Dienst – ausgedrückt in meinem Gewand – steht im Vordergrund. Nicht zuletzt sind liturgische Gewänder hilfreich, wenn der Kommunionhelfer oder die Lektorin sich einmal im Kleiderschrank vergreifen. Unpassend gekleidete Laiendienste sind bedauerlicherweise keine Seltenheit.

Zu liturgischer Kleidung zwingen sollte man freilich niemanden. Lieber viele Laien, die ihren liturgischen Dienst in (angemessener) Alltagskleidung verrichten, als Gläubige, die ihr Engagement beenden, weil sie das Tragen von Gewändern ablehnen. Und dennoch: Über die Möglichkeit liturgischer Kleidung für Laien und ihre zahlreichen Vorteile sollte in allen Gemeinden verstärkt diskutiert werden.

Von Tobias Glenz

Ein Pastoralreferent faltet die Hände zum Gebet. Er trägt eine weiße Albe, ein liturgisches Gewand im Gottesdienst.

Contra: Vielfalt im Gottesdienst zeigen

Liturgische Gewänder unterscheiden sich deutlich von unseren heutigen Alltagskleidern (auch von den Sonntagskleidern). Zwar gehört zu ihren Aufgaben, dass der Träger sich dadurch als Person zurücknimmt und der Dienst in den Vordergrund gestellt wird: Wer sie trägt, hebt sich aus der feiernden Gemeinde schon optisch ab. Aber wenn die Lektorin oder der Kommunionhelfer in ihrer üblichen Kleidung in den Altarraum treten, kommen so auch sichtbar Kirchenamt und Kirchenvolk zusammen – das ist sicher ästhetisch nicht so überzeugend wie ein Ensemble verschiedener, sich ergänzender liturgischer Gewänder.

Aber es bringt einen Grundgedanken der Liturgie symbolisch ins Bild: Nicht der Priester allein feiert die Messe – die ganze Gemeinde feiert gemeinsam. Die Liturgie ist Sache aller; alle sind berufen, mitzuwirken. Tätige Teilnahme ist nicht an den Weihestatus gebunden. Zum Bild der Einheit der Kirche in den Sakramenten kommt das Bild der Vielheit der Kirche mit ihren vielen Gliedern.

Papst Franziskus klagt viel über einen ungesunden Klerikalismus der Kirche. In einem Brief schreibt er: "Wir haben, ohne uns dessen bewusst zu sein, eine Elite von Laien hervorgebracht, in dem Glauben, dass nur jene engagierte Laien sind, die mit den Dingen 'der Priester' befasst sind"; an dieser Stelle geht es ihm nicht um ein Nachdenken über Liturgie. Aber dieses Bild von Klerikalisierung kann auch zum Nachdenken anregen, wie man Gottesdienste feiert: Trägt das liturgische Gewand eines Laien etwas zum Gottesdienst bei? Oder imitiert es nur die Bekleidung und den Dienst des Priesters, des Diakons, der aufgrund seiner Weihe und Berufung diesen Dienst ausübt? Drückt es eine geistliche Haltung der Gemeinschaft und des Dienens aus – oder sollen damit Gottesdienstfeiernde, die "nur" Laien sind, Priestern ähnlich gemacht werden?

Laien stehen mitten in der Welt und feiern doch den Gottesdienst so sehr mit wie Priester – die Vielfalt von Alltagskleidung und liturgischer Kleidung macht das sinnfällig.

Von Felix Neumann