Schachfigur
Monika Metternich über das Sterben im Mittelmeer

Hilfloses Hinschauen

Monika Metternich über das Sterben im Mittelmeer

Von Monika Metternich |  Bonn - 24.07.2018

Sowohl Papst Franziskus als auch der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, haben erneut das Sterben im Mittelmeer beklagt und die internationale Gemeinschaft dazu aufgefordert, endlich entschlossen zu handeln. Wegschauen, so Marx, während hunderte Flüchtende im Mittelmeer ertrinken, sei zutiefst unchristlich.

Die Reaktionen waren wie immer zweigeteilt: Von "Gutmenschengeschwätz" bis zur Feststellung, vom Hinschauen allein werde kein einziges Problem gelöst, reichte das Spektrum auf der einen Seite. Auf der anderen Seite gab es Zustimmung, oft aber im hohen Gestus der moralischen Überlegenheit: Selbst dem Nachdenken darüber, ob die unzweifelhaft mit den besten Motiven helfenden Retter im Mittelmeer nicht den kriminellen Schleppern geradezu in die Hände arbeiteten, wurde unterstellt, man wollte wohl absichtlich Menschen ertrinken lassen. Eine starke Moralisierung von Problemen sei aber, so der katholische Soziologe Armin Nassehi, "oftmals eine Reaktion auf die eigene Unfähigkeit, etwas wirklich ändern zu können oder Konzepte dafür zu haben."

Es ist Sache der Kirchen, christliche Grundsätze anzumahnen. Politische Lösungen aber muss die Politik finden und schaffen. Und genau hier liegt der Haken. Die italienische Marineoperation "Mare nostrum", die in nur einem Jahr (2014) 130.000 Flüchtlinge aus Seenot rettete, war ein Ansatzpunkt. Hier lag der Fokus sowohl auf der Rettung der Schiffbrüchigen als auch in der Festnahme der Schlepper. Italien wurde damals finanziell, personell und mit der Aufnahme der Flüchtlinge völlig allein gelassen, weshalb die Operation auch zeitlich begrenzt bleiben musste. Die europäische Frontex- Nachfolgeoperation "Triton" hat nun nicht mehr primär die Rettung von Menschenleben im Fokus, sondern den Grenzschutz.

Dass dies weder den Ertrinkenden hilft noch die Schleuser von ihren Geschäften abhält, wird jetzt überdeutlich. Zumal Italien nun eine Regierung hat, die sich immer öfter weigert, von Privatorganisationen aus Seenot Gerettete auch nur an Land zu lassen. Hier rächt sich politisch und faktisch die bräsige Art, wie ganz Europa Italien mit dem Fluchtproblem lange allein gelassen hat. Ein Umdenken in ganz Europa ist unumgänglich. Dabei wird es auch darum gehen, zustimmungsfähige Formen von geregelter Migration zu finden, die lebensgefährliche Fluchtwege verhindert. Die Alternative heißt: Wegschauen. Und das wird immer schwieriger. Nicht nur für Christen.

Von Monika Metternich

Die Autorin

Monika Metternich ist Religionspädagogin, Schriftstellerin und Journalistin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.