Eine Dorfkirche steht im Novemberregen.
Krisencoach zum Imageverlust durch Missbrauchsskandal

Das muss die Kirche tun, um wieder glaubwürdig zu werden

Missbrauchsskandal, Finanzaffären, Austritte: Das Ansehen der Kirche ist mehr als angekratzt. Medientrainer Wolf Achim Wiegand analysiert im Interview den kirchlichen Imageverlust – und sagt, worauf es nun ankommt.

Von Thomas Winkel (KNA) |  Hamburg/Bonn - 17.09.2018

Frage: Herr Wiegand, seit Jahren kommt die katholische Kirche kaum aus den Negativschlagzeilen. Warum nicht?

Wiegand: Weil die Dinge passieren, die passieren. Nach meinem Eindruck ist der Papst richtig abgestürzt. Vor fünf Jahren trat Franziskus als großer Reformer an und jetzt steckt er plötzlich in der Rolle eines Krisenmanagers von Skandalen und Affären.

Frage: Sie sprechen allgemein von Dingen, die passieren – und meinen damit wohl den sexuellen Missbrauch durch Geistliche in vielen Ländern ...

Wiegand: Ja, genau, in Deutschland, Irland, Chile, den USA. Das kommt alles scheibchenweise und das ist damit ein Teil des Problems. Schon bald war ja klar, dass es nicht um Einzelfälle geht. Da hätte Rom gleich durchgreifen müssen.

Frage: Immerhin verkündet der Papst eine Null-Toleranz-Politik, entlässt Kardinäle, feuert Bischöfe...

Wiegand: Ja, aber als moralische Instanz sollte er noch weiter gehen. Er persönlich müsste die "politische" Verantwortung übernehmen, zum Beispiel in einem symbolischen Schuldanerkenntnis mit Bitte um Vergebung.

Frage: Die deutschen Bischöfe haben genau so etwas gemacht. Und der Papst trifft sich auf fast jeder Reise mit Missbrauchsopfern. Offenbar hilft all das nicht, oder?

Wiegand: Das ist natürlich wichtig, sich um die Opfer zu kümmern. Sie müssen im Mittelpunkt stehen und nicht das Ansehen der Kirche oder die Frage, ob irgendwelche Studien zu früh in den Medien stehen. Vor allem: Bei kriminellen Taten müssen die Verdächtigen der Justiz zugeführt werden. Die katholische Kirche läuft meines Erachtens Gefahr, in den Strudel zu geraten, den wir auch in der Politik sehen - nämlich zur Zielscheibe von religiösen und weltlichen Populisten zu werden, die ihre Schwächen ausnutzen.

Frage: Sie selbst sind in der FDP aktiv und um deren Image steht es ebenfalls nicht zum Besten. Sehen Sie da Parallelen?

Wiegand: Nein. Eine politische Partei ist ja keine moralische Instanz im engeren Sinne wie eine Kirche. Sie löst Diesseitsfragen. FDP-Mitglieder sind sehr engagiert und motiviert. In katholischen Gemeinden spüre ich dagegen Katzenjammer.

Frage: Die Skandale schwächen die Motivation aktiver Katholiken?

Wiegand: Der Eindruck entsteht, ja. Ganz sicher in Deutschland und Europa, aber auch in Südamerika, der Heimat des Papstes. Dort haben Freikirchen einen unglaublichen Zulauf. Selbst in ehemals "katholischen" Ländern wie Brasilien. Die Menschen sind einfach riesig enttäuscht. Das ist wirklich ein Flächenbrand.

Bild: © KNA

Der Hamburger Medientrainer Wolf Achim Wiegand.

Frage: Als Krisencoach empfehlen Sie auf Ihrer Internetseite "ruhig Blut, wenn's brennt" – gilt das auch jetzt für Papst und Bischöfe?

Wiegand: Sie müssen ruhig und überlegt handeln - aber handeln! Und die richtigen Schritte tun, die nicht nur in die Kirche wirken, sondern auch nach außen.

Frage: Bitte etwas konkreter.

Wiegand: Nehmen Sie die Studie der deutschen Bischöfe, die in knapp zwei Wochen erscheinen sollte und deren Ergebnisse durch Indiskretion schon an die Öffentlichkeit gekommen sind. Das kann nur bedeuten: Die Verantwortlichen müssen jetzt selbst mit der Studie an die Öffentlichkeit gehen, sofort! Sie auf den Tisch legen und erläutern - und nicht weiter warten bis zu dem geplanten Datum. Dann wird durch tagelange Spekulationen der Schaden noch größer.

Frage: Was richtet ein solcher Imageverlust an? Trauen die Menschen der Kirche noch Kompetenz in ethischen Fragen zu?

Wiegand: Gucken Sie nach Irland, neben Polen lange das vielleicht katholischste Land auf unserem Kontinent. Die Bevölkerung folgt der Kirche nicht mehr. Ein bekennender Schwuler ist Premierminister geworden, ohne irgendwelche Widerstände. Im Mai haben zwei Drittel gegen das strenge Abtreibungsverbot gestimmt. Irland ist für mich ein Brennglas: Wenn dort schon solche Dinge gegen die Werte der katholischen Kirche möglich sind, dann ist es anderswo noch intensiver.

Frage: Gleichzeitig melden viele Menschen ihre Kinder aber bevorzugt an einer katholischen Schule an und die pflegebedürftige Oma im kirchlichen Heim. Wie passt das zusammen?

Wiegand: Die Schulen werden nicht unbedingt aus religiösen Gründen gewählt, sondern wegen ihrer Werte und vor allem ihrer Qualität. Das Interesse ist in der Tat sehr hoch, auch an konfessionellen Pflegeheimen. Wenn eine Nonne oder ein Pfleger aus Berufung arbeitet, nehmen sie sich eher mehr Zeit für ein nettes Wort. Und man weiß die Angehörigen in besten Händen.

Frage: Nochmal zu Missbrauch. Die Täter kommen auch aus Familien, Vereinen und ja, auch aus der evangelischen Kirche. Warum steht vor allem die katholische im Kreuzfeuer?

Wiegand: Weil sie als Bewahrer zum Teil veralteter Werte gilt. Die Welt ist weniger religiös geworden und wenn dann ausgerechnet in einer moralischen Instanz etwas schief läuft, hagelt es Kritik. Je höher der moralische Anspruch, desto tiefer der Fall. Bei Politikern ist das genauso: Wer sich besonders sozial gibt und dann Steuern hinterzieht, der fällt tief.

Frage: Keine Chance, da wieder rauszukommen?

Wiegand: Doch, aber dazu braucht man eine klare Strategie und nicht nur Worte, sondern auch Taten. Um die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherzustellen, muss sie die Opfer großzügig entschädigen. Sie sollte auch ihre Archive öffnen, um noch mehr Transparenz zu schaffen. Das Thema wird die Kirche noch jahrelang beschäftigen. Aber zum Handeln ist es nie zu spät.

Von Thomas Winkel (KNA)