Das blaue Wunder von Mainz
40 Jahre Chagall-Fenster in der Stephanskirche

Das blaue Wunder von Mainz

Heute vor 40 Jahren erhielt die Mainzer Stephanskirche ihr erstes von Marc Chagall gestaltetes Fenster. Das der Künster überhaupt für die Kirche aktiv wurde, ist vor allem einer Person zu verdanken.

Von Steffen Zimmermann |  Mainz - 23.09.2018

Wer diese Kirche betritt, erlebt ein blaues Wunder. Kraftvoll, intensiv und beglückend schön strahlt das leuchtende Blau die Besucher in der Mainzer Pfarrkirche St. Stephan an. Zu verdanken ist dieses Blau, in das man als Besucher regelrecht eintauchen kann, den Fenstern von St. Stephan.

Neun von ihnen wurden zwischen 1978 und 1985 vom französischen Jahrhundertkünstler Marc Chagall (1887-1985) geschaffen. Heute vor 40 Jahren, am 23. September 1978, wurde das erste dieser Fenster mit der "Vision vom Gott der Väter" an die Kirchengemeinde oberhalb der Mainzer Altstadt übergeben. Bis zu seinem Tod schuf der "Meister der Farbe und der biblischen Botschaft" auf einer Fläche von insgesamt 177,6 Quadratmetern ein einzigartiges Glaskunstwerk, das jedes Jahr Ziel von Tausenden Gläubigen und Touristen aus aller Welt ist.

Entscheidendes Engagement von Pfarrer Klaus Mayer

Doch wie kam es dazu, dass der berühmte französische Maler russischer Herkunft ausgerecht in einer damals über die Mainzer Stadtgrenzen hinaus kaum bekannten gotischen Kirche eines seiner bedeutendsten Kunstwerke erschuf? Entscheidend dafür war das Engagement von Klaus Mayer. Der damalige Pfarrer von St. Stephan hatte 1973 – kurz nach dem Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörten Kirche – die Idee, Chagall um die Gestaltung einiger Fenster für die Kirche zu bitten.

Linktipp

Informationen zu Führungen und Meditationen rund um die Chagall-Fenster in St. Stephan finden Sie auf der Internetseite der Kirche.

Mayer schrieb einen Brief an die Adresse des weltberühmten Künstlers im südfranzösischen Nizza. Die Antwort kam nicht von Chagall, sondern von dessen Atelier in Reims: Es sei eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die viel Zeit und Überlegung erfordere. Damals wurde Vava, die Ehefrau Chagalls, die wichtigste Verbindungsperson zu Mayer. Sie ließ den Mainzer Pfarrer 1974 wissen, dass ihr Mann an einem Film über die Mainzer Kirche interessiert sei. Mayer aktivierte das ZDF, das einen sechsminütigen Film drehte, und reiste damit nach Nizza. Chagall blieb unverbindlich, aber Mayer ließ nicht locker und baute eine freundschaftliche Beziehung zu dem Künstler auf.

"Dass wir uns so gut verstanden", war laut Mayer schließlich entscheidend für Chagalls Zusage. Der russisch-jüdische Maler verzichtete sogar auf ein Honorar. Nachdem im September 1978 das erste Fenster in Mainz eingetroffen war, begann der inzwischen 91 Jahre alte Maler noch im gleichen Jahr mit Entwürfen für ein weiteres Fenster. "Einmal angefangen, hat er nicht mehr aufgehört", erzählte Mayer vor ein paar Jahren. Im November 1984, nur wenige Monate vor seinem Tod, vollendete Chagall das letzte Fenster.

Chagall, der in der weißrussischen Stadt Witebsk als Kind jüdischer Eltern geboren wurde, wuchs in einer Zeit antisemitischer Pogrome auf. Nach dem Studium in Sankt Petersburg lebte er in Paris. Als die Nationalsozialisten Frankreich besetzten und seine Bilder als "entartete Kunst" verbrannten, ging er in die USA, kehrte aber 1948 nach Frankreich zurück. Als bekannt wurde, dass er Fenster für eine katholische Kirche in Deutschland entwarf, löste das nicht nur bei einigen jüdischen Künstlerkollegen Befremden aus. Inzwischen jedoch gelten die Fenster der Stephanskirche als Symbol für Versöhnung und Verständigung zwischen Juden und Christen.

Die Stephanskirche in Mainz ist wegen ihrer von Marc Chagall gestalteten Fenster weltberühmt.

Seine Themen schöpfte Chagall aus seinen Jugenderinnerungen in Witebsk und aus der jüdischen Kultur und Tradition. Er verband biblische Themen mit Legenden, Fabeln, antiken Mythen und eigenen Erlebnissen. Ebenso faszinierte ihn die Welt der Artisten und der Liebenden. Seine positive Einstellung zu seinen Mitmenschen befähigte Chagall, immer wieder als Versöhner aufzutreten.

Optimismus, Hoffnung, Freude am Leben

Das wird auch in der Mainzer Stephanskirche deutlich: Besucher, die das Gotteshaus betreten, sind von dem Anblick der Fenster meist kollektiv überwältig. "Die Farben sprechen unser Lebensgefühl unmittelbar an, denn sie erzählen von Optimismus, Hoffnung, Freude am Leben", erklärte Klaus Mayer, der inzwischen 95 Jahre alt ist, vor einigen Jahren die Wirkung der Fenster.

Eine der bekanntesten biblischen Szenen, die auf den Fenstern in St. Stephan dargestellt wird, ist die Versuchung von Adam und Eva im Paradies. Weitere Darstellungen zeigen Engel, Maria mit dem Kind, das Paradies, Mose mit den Gesetzestafeln, das himmlische Jerusalem, König David und – auch als Postkartenmotiv sehr beliebt – ein Liebespaar. Übrigens: Gemäß Chagalls Wunsch setzte sein Schüler und Freund Charles Marq (1923-2006) nach Chagalls Tod die Arbeiten an den Kirchenfenstern fortgesetzt. Marq ergänzte bis zum Jahr 2000 die von Chagall geschaffenen Fenster um 19 weitere – ebenfalls in blau.

Von Steffen Zimmermann