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Standpunkt

Wer ist das Volk?

Die Volksparteien im Abwärtstrend, der rechte Flügel der Parlamente im Erstarken: Für Christen ein großer Grund zur Sorge, meint Uwe Bork in seinem Kommentar. Jetzt gelte es, den "Gegnern einer weltoffenen Gesellschaft" offensiv entgegenzutreten.

Bonn - 01.10.2018

Uwe Bork ist Leiter der Fernsehradaktion Religion, Kirche und Gesellschaft des SWR.

Die längst nicht mehr nur schleichende Erosion der Basis unserer Volksparteien muss uns allen Sorgen bereiten. Zwar mag sich die Berliner Große Koalition in der letzten Zeit alles andere als groß präsentiert haben, wenn CDU/CSU und SPD nach neuesten Umfragen bei Neuwahlen aber nicht mehr über eine Mehrheit im Bundestag verfügen, lässt das nicht zuletzt einen starken Flügel auf der rechten Seite unserer Parlamente anwachsen. Offensichtlich haben viele Wählerinnen und Wähler nicht mehr das Gefühl, dass sie es sind, denen die Hauptsorge ihrer Abgeordneten gilt.

Dass Menschen befürchten, aus dem Zentrum der Politik an dessen Rand – oder sogar darüber hinaus – gestoßen zu werden, ist indes nichts grundsätzlich Neues. In der Spätphase des römischen Reiches sahen beispielsweise viele Römer ebenfalls mit Beklemmung, dass sich das Schwergewicht gesellschaftlicher Wohlfahrt zu verschieben schien. Statt wie bisher als Bürger einmal jährlich mit einer Ration Getreide, Olivenöl, Schweinefleisch und Wein bedacht zu werden, sollte es jetzt allein ausreichen, auf eine solche Gabe angewiesen zu sein. Und das galt eben auch für Fremde.

Befürworter dieser Veränderung – und es gibt durchaus Grund, darauf stolz zu sein – war damals die christliche Kirche, die eine Vorform ihrer "Option für die Armen" predigte. Sie barg beträchtlichen Sprengstoff, denn was Gläubige wie Ungläubige von den Kanzeln zu hören bekamen, bedeutete nicht mehr und nicht weniger als ein völlig neues Konzept von Menschlichkeit. Es verwischte die traditionellen gesellschaftlichen Grenzen zwischen denen, für die man zu sorgen hatte und denen, die kein Anrecht auf solchen Schutz hatten. Das Murren darüber mag im damaligen Roms nicht geringer gewesen sein als die Unruhe im heutigen Berlin, Dresden oder Dortmund.

Für uns Christen bedeutet das, dass wir unser Konzept von Menschlichkeit einmal mehr offensiv zu vertreten haben: in der U-Bahn, in der Kollegenrunde und – ja auch – in manchen kirchlichen Kreisen. Wir dürfen den Gegnern einer weltoffenen Gesellschaft nicht den Raum geben, sich allein als das Volk zu präsentieren, das über das Wohl und Wehe unserer Demokratie zu entscheiden hat.

Der Autor

Uwe Bork war Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR) und arbeitet jetzt als freier Journalist und Autor in Esslingen.

Hinweis

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