Schachfigur
Standpunkt

Vorsicht vor der "Lasst-uns-bloß-in-Ruhe-Mentalität"

Wie geht es nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie weiter? Joachim Frank warnt davor, die Problematik als erledigt zu betrachten. Die Kirche dürfe nicht bei Betroffenheitsbekundungen stehen bleiben.

Von Joachim Frank |  Bonn - 04.10.2018

Ob es Glück als Zustand gibt, darüber lässt sich streiten. Als anhaltende Stimmungslage ist es allerdings ähnlich schwer vorstellbar wie ein permanentes Gefühl von Entsetzen oder Erschütterung. Genau danach klingen aber die kirchlichen Reaktionen auf den Missbrauchsskandal: Betroffenheit ohne Ende. Schon 2010 war das so, und die Rhetorik wiederholt sich jetzt nach der Vorlage der MHG-Studie mit ihren in der Tat erschütternden Ergebnissen. Derweil werden aber weiterhin die Sonntagsmessen – Achtung! – "gefeiert". Es wird getauft und geheiratet.

Sollte man das alles sein lassen? Natürlich nicht. Träfen sich Christen nicht mehr zur Feier der Sakramente, wäre die Kirche am Ende. Schon deshalb stimmt das Nichts-ist-mehr-wie-es-war-Pathos nach Katastrophen-Ereignissen nicht mit der Wirklichkeit überein. Es führt im Gegenteil leicht zu Überdruss, zur trotzigen Behauptung eines "Business as usual". Von der Kirchenbasis sind jetzt schon Sätze zu hören wie: "Klar ist das schlimm mit dem Missbrauch. Aber das kommt schließlich auch anderswo vor, nicht nur in der Kirche. Und überhaupt, haben wir eigentlich keine anderen Themen?"

Das ist vielleicht das Gefährlichste, was jetzt passieren kann: das Aufkommen einer Lasst-uns-bloß-in-Ruhe-Mentalität, in der alles Mahnen und alles Drängen auf Veränderung als störend empfunden wird und die Betroffenheitsbekundungen wie vorgeschaltete Disclaimer wirken, mit denen dann "der Fall erledigt" ist. Vor ein paar Tagen fand in Köln eine große kirchliche Feier statt, in der vom Missbrauchsskandal schon gar nicht mehr die Rede war. Und doch war er nach Ansicht kritischer Teilnehmer unausgesprochen präsent, weil eine klerikale Selbstinszenierung mit allem verfügbaren katholischen Gepränge völlig ungebrochen über die Bühne gegangen sei.

Wenn der Klerikalismus wirklich etwas für die Kirche Verderbliches ist, was neuerdings sogar Kleriker im Bischofsrang erkannt haben wollen, dann muss sich die Kirche überall dort wandeln, wo dieser Klerikalismus sich manifestiert – und das heißt auch, in ihren Feiern. Die heißen schließlich nicht von ungefähr "Gottesdienst".

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger", der "Berliner Zeitung" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.