Der Papst gegen die Mentalität von "Auftragskillern"

Harsche Worte für den absoluten Wert menschlichen Lebens

Aktualisiert am 13.10.2018  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Erneut hat Papst Franziskus für Aufregung gesorgt. Sein Satz von "Auftragskillern" und Abtreibung wird vor allem in Deutschland scharf kritisiert. Sie zeigt eine der weniger bekannten Seiten des Papstes aus Argentinien.

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"Papst vergleicht Abtreibung mit Auftragsmord!" So lauteten Schlagzeilen am Mittwoch und Donnerstag, oft verbunden mit Empörung und Kritik. Der Tenor: Die katholische Kirche vertuscht Missbrauch ihrer Priester in großem Umfang - und dann urteilt der alte Mann in Rom unbarmherzig über Frauen in Not und unterstellt ihnen niedere Motive. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Reaktionen besonders heftig, auch als Folge eines prominenten Tagesthemen-Kommentars. In Italien gab es nur in einigen linken und feministischen Blogs Reaktionen.

Dabei hatte Franziskus zu Beginn seiner Amtszeit gelobt, er wolle weniger über Abtreibung, "Homo-Ehe" und Verhütung sprechen. Früher habe die Kirche das zu oft getan, was auf Dauer ihrer Glaubwürdigkeit schade. Und nun die Ansprache vom Mittwoch, in die er spontan einfügte: "Es ist nicht richtig, ein menschliches Wesen zu beseitigen, wie klein auch immer, um ein Problem zu lösen. Das ist, als würde man einen Auftragskiller anheuern, um ein Problem zu lösen." Den letzten Halbsatz wiederholte der Papst.

Der Begriff "Abtreibung" kommt in seiner Rede über das Fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" nicht vor. Gleichwohl ist der Kontext klar. In dem Absatz geht es um menschliches Leben im Mutterleib. Wen genau Franziskus mit "Auftragskiller", italienisch "sicario", im Sinn hatte, ließ er offen.

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Video: © Mediaplus X und Bernward Medien

Jede Gesellschaft braucht ihre Regeln, denn ohne sie läuft alles drunter und drüber. Das "katholische Grundgesetz" bilden die Zehn Gebote.

Der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte in Deutschland, Christian Albring, wies empört zurück, "Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, mit Auftragsmördern" zu vergleichen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bezog Franziskus' Aussage auf Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt: "Diese Frauen als Auftragsmörderinnen zu stigmatisieren, ist absolut inakzeptabel."

Wer die Predigten, Grußworte und Dokumente dieses Papstes liest, stößt öfters auf Kritik an Abtreibung und die Mahnung zum Lebensschutz am Anfang wie am Ende des Lebens. Allerdings schaffen es diese Aussagen selten in die deutschsprachigen Medien. Dabei formuliert Franziskus mitunter spontan und durchaus drastisch.

Für Papst ist der Wert menschlichen Lebens absolut

Bei einer Ansprache im Juni vor Familienverbänden kritisierte Franziskus Abtreibung nach pränataler Diagnostik. Früher habe man Neugeborene mit Körperbehinderungen von Felsen heruntergeworfen. Dann erinnerte der Papst an die Euthanasie-Programme der Nazis: "Heute machen wir dasselbe, aber mit weißen Handschuhen". Was Franziskus vor allem kritisiert, ist Abtreibung wegen Behinderung eines Kindes oder weil es angeblich nicht in die Lebensplanung passe.

Laut Frauenarzt Albring führen Ärzte "nicht etwa Schwangerschaftsabbrüche durch, weil sie gewissenlos sind, sondern weil sie sich aus Gewissensgründen zu dieser Hilfe verpflichtet fühlen". Damit ist er mitten in dem Diskurs, um den es Franziskus geht: den Wert jedes menschlichen Lebens. Daher auch das endgültige Nein des Papstes zur Todesstrafe. Für Franziskus ist der Wert menschlichen Lebens absolut.

Linktipp: Papst Franziskus: Abtreibung ist wie "Auftragsmörder" bestellen

"Ist es gerecht, jemanden umzubringen, um ein Problem zu lösen?", fragt Papst Franziskus. Bei der Diagnose einer schweren Behinderung bräuchten werdende Eltern keine "hastigen Ratschläge" zum Schwangerschaftsabbruch, sondern etwas ganz anderes.

Für Franziskus ist die Haltung zu Abtreibung keine religiöse Frage, sondern eine für alle Menschen gültige. "Ich trenne das Problem der Abtreibung von jeder Religion", sagte er als Erzbischof von Buenos Aires in einem Gespräch mit dem dortigen Rabbiner. "Abtreiben ist, jemand zu töten, der sich nicht wehren kann", so Bergoglio damals. Diese Einschätzung hat er im August auf dem Rückflug von Irland bekräftigt.

Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt seien in einer absoluten Ausnahmesituation; "sie brauchen Hilfe und Unterstützung - nicht Kriminalisierung", so Ministerin Giffey und andere. Über die Lage ungewollt schwangerer Frauen und Paare spricht Franziskus seltener. Vor vier Jahren sagte er zu einer italienischen Lebensschutzinitiative, Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt müssten sich "als Person betrachtet, angehört und begleitet fühlen".

Aus seiner Zeit als Erzbischof in den Armenvierteln von Buenos Aires wird berichtet, dass er sich um Frauen gekümmert habe, die in einer Notlage abgetrieben hatten. All diesen Frauen habe er den Weg zu einer Versöhnung mit Gott und zu einer Überwindung ihrer Schuld erleichtert. In einem Schreiben von 2016 gewährte Franziskus allen Priestern die Befugnis zur Lossprechung von dieser Tat; früher hatten nur einige wenige diese Erlaubnis. Diese Erleichterung wurde von manchen Beobachtern damals so gedeutet, als relativiere Franziskus die Schwere der Schuld von Abtreibungen. Das war offensichtlich ein Missverständnis.

Von Roland Juchem (KNA)