Soziologin: Kirche wird weiter stark an Bedeutung verlieren
Kein völliges Absterben des Christentums, aber...

Soziologin: Kirche wird weiter stark an Bedeutung verlieren

Düstere Prognose: Die Bedeutung von Kirche und Glaube wird laut der Religionssoziologin Linda Woodhead in Deutschland und Europa weiter schwinden. Der Prozess sei unumkehrbar, sagt sie - und nennt Gründe.

Weinheim - 12.11.2018

Laut der britischen Religionssoziologin Linda Woodhead werden Kirchen und Religionen in Deutschland und Europa künftig weiter stark an Bedeutung verlieren. "Ich glaube nicht, dass es ein völliges Absterben des Christentums geben wird, doch die Zunahme der Konfessionslosigkeit lässt sich nicht umkehren", sagte sie der in Weinheim erscheinenden Zeitschrift "Psychologie heute" (Dezember).

Dem Leben Sinn zu geben, auch über den Tod hinaus, sei über Jahrhunderte das "Kerngeschäft" der organisierten Religionen gewesen, so Woodhead. Inzwischen habe vor allem in den liberalen Demokratien ein Paradigmenwechsel stattgefunden: vom Ethos der Selbstaufopferung für höhere Zwecke hin zum "Ethos der Selbstverwirklichung".

Zusammenhang mit materiellem Wohlstand

Zugleich sieht die Soziologin einen Zusammenhang zwischen einem Rückgang von Religiosität und materiellem Wohlstand. "Je reicher eine Gesellschaft ist, desto weniger spielt die Religion eine Rolle." Es gebe einen "auffälligen Zusammenhang" zwischen Ausprägung von Religion und Bruttoinlandsprodukt: Materieller Reichtum vergrößere die individuellen Handlungsspielräume, ermögliche mehr Konsum und Freizeitmöglichkeiten sowie mehr Chancen der Selbstverwirklichung im Beruf. All dies befördere eine Abkehr vom Glauben, so Woodhead.

Die Wissenschaftlerin und Autorin betonte, die Entwicklung hin zu weniger Kirchlichkeit werde sich in den kommenden Jahren beschleunigen. "Entscheidend dafür ist der Rückgang religiöser Erziehung insgesamt." Nahezu alle Kinder, die im Elternhaus nichtreligiös erzogen würden, blieben der Kirche ein Leben lang fern. Umgekehrt halte nur etwa die Hälfte der religiös erzogenen Kinder später an ihrer Konfessionszugehörigkeit fest. (KNA)