Ein mit Pflastern zugeklebter Kindermund.
Papst hatte Maßnahmenkatalog gegen Missbrauch gestoppt

Missbrauchsopfer kritisiert Vatikananweisung an US-Bischöfe

Diese Woche hatten die US-Bischöfe eigentlich Maßnahmen gegen Missbrauch beschließen wollen. Doch am Wochenende stoppte der Papst persönlich das Vorhaben. Jetzt hat der Vatikan in den Augen seiner Kritiker ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Washington/Dublin - 13.11.2018

Die Anweisung des Vatikan an die US-Bischöfe, ihren Maßnahmenkatalog gegen Missbrauch vorerst auf Eis zu legen, ist auf scharfe Kritik gestoßen. Marie Collins, prominentes Missbrauchsopfer fragt in einem am Dienstag veröffentlichten Kommentar auf ihrer Website: "Kann jetzt irgendjemand noch glauben, im Vatikan sehe man die Verantwortlichkeit der Kirchenführung als Priorität?"

Collins: Wie bei früheren "Rückziehern"

Die Sprecherin von Missbrauchsopfern und früheres Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission sieht in der jüngsten Maßnahme Parallelen zu früheren "Rückziehern" im Vatikan.

Der Chef der Überprüfungsbehörde zum Kindesmissbrauch der US-Bischofskonferenz, Francesco Cesareo, sagte, es sei bedauerlich, dass die Bischöfe diese Woche nicht zur Tat schreiten und wie geplant verschiedene Maßnahmen beschließen könnten. Die US-Bischöfe halten derzeit in Baltimore ihre regelmäßige Vollversammlung ab.

Am Montag hatte der Konferenz-Vorsitzende, Kardinal Daniel DiNardo, dort überraschend erklärt, der Vatikan habe darum gebeten, einen geplanten Maßnahmenkatalog noch nicht zu verabschieden. Stattdessen sollten die Bischöfe ein für Februar geplantes Welttreffen der Bischöfe im Vatikan abwarten.

Für dieses Treffen schlägt Marie Collins nun vor, der Papst solle den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen drei Texte vorlegen: erstens eine klare, unmissverständliche Definition dessen, was Missbrauch ausmacht; zweitens die umfassende Beschreibung einer Kinderschutz-Politik mit "best-practice"-Beispielen und Hilfsmaßnahmen für die Opfer sowie drittens eine Regelung zur Verantwortlichkeit, die klare Sanktionen für jene Bischöfe benennt, die bei Prävention und Aufarbeitung versagen.

Diese Texte sollten veröffentlicht und von allen Teilnehmern des Gipfels im Februar unterzeichnet werden, fordert Collins. Sollte sich jemand dem verweigern, müsse auch das bekannt gemacht werden. "Die Angst vor Skandalen und die Kultur nicht erklärter Rücktritte muss beendet werden", fordert die Irin.

Behördenchef Francesco Cesareo sagte bei der Herbsttagung der Bischöfe, obwohl die Diözesen bereits einige Maßnahmen ergriffen hätten, sei die Antwort der Oberhirten auf die Missbrauchs-Krise "unvollständig" geblieben.

Unter Bezug auf die Entwicklungen in Pennsylvania und rund um Ex-Kardinal Theodore McCarrick nannte Cesareo fehlende Transparenz über vergangene Missbrauchsfälle und deren Handhabung, aber auch den Mangel an Rechenschaft der Bischöfe als Problemfelder.

"Heute trauen die Gläubigen und der Klerus vielen von ihnen nicht mehr. Sie sind wütend und frustriert, nicht länger zufrieden mit Worten und selbst mit Gebeten", erklärte Cesare vor den 350 Bischöfen. "Sie verlangen Maßnahmen, die auf einen Kulturwandel innerhalb der Führung der Kirche hindeuten". Ihr Misstrauen werde bleiben, bis die Bischöfe wirklich die Prinzipien von Offenheit und Transparenz lebten.

Bisher seien Bischöfe der Bestrafung zu häufig entkommen. "Die Rechenschaftspflicht der Bischöfe ist niemals wirklich angesprochen worden", sagte Cesareo weiter. Dazu gehörten die Untersuchung von Vorwürfen gegen Bischöfe und die Gewähr dafür, dass Bischöfe zur Verantwortung gezogen würden, die ihre Pflicht zum Schutz der Verletzlichen nicht erfüllt hätten.

Auch Viganos Vorwürfe prüfen

Auch Vorwürfe des ehemaligen Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo-Maria Vigano, über die Mitwisserschaft von Bischöfen im Missbrauchsskandal  müssten überprüft werden. "Kein Stein darf unumgedreht bleiben." Dazu gehörte eine volle Untersuchung des Falls Theodore McCarrick durch eine Kommission, an der Laien beteiligt seien. (gho/KNA)

Linktipp: Papst bremst Maßnahmenkatalog der US-Bischöfe zu Missbrauch

Solche spontanen Interventionen aus Rom sind äußerst selten: Die US-Bischöfe wollten bei ihrer heute beginnenden Herbsttagung verschiedene Maßnahmen gegen den Missbrauch beschließen. Das hat der Vatikan nun kurzfristig gestoppt.