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Standpunkt

Die Gefahr von innerkirchlichen Konflikten

Der Schlagabtausch zwischen Kardinal Müller und Pater Mertes zeigt, wie tief die Gräben innerhalb der Kirche sind. Die Öffentlichkeit mit der die Auseinandersetzung geschieht, ist nicht immer gut, warnt Volker Resing. Und verweist auf den Islam.

Von Volker Resing |  Bonn - 27.11.2018

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Was hat die Islamkonferenz mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller zu tun? Die Konflikte innerhalb von Glaubensgemeinschaften lassen sich nicht mehr so einfach wegdrücken, das Moderieren von Zusammenhalt und Ausgleich wird in einer pluralen und säkularen Gesellschaft schwieriger. Es braucht neue Formen des Aushandelns und die Akzeptanz von Bandbreite. Müller hatte dem Jesuitenpater Klaus Mertes "besinnungslosen Zorn" vorgeworfen und dessen "dreiste Beschimpfungen" zurückgewiesen. Mertes wiederum hatte zuvor Aussagen Müllers zur Kirchenkrise als "zum Dogma geronnenen klerikalen Dünkel" bezeichnet.

Der Konflikt um den Umgang mit den Missbrauchsfällen, der Streit um eine Neuformulierung der Sexualmoral und der ewige Kampf um Ansichten zur Homosexualität treten zunehmend noch offener und drastischer zu Tage, auch weil die institutionellen Bindekräfte schwinden. Weder Müller noch Mertes stehen aktuell im engeren Sinne in einem Führungsamt der Kirche. Ein derart offener Schlagabtausch wäre früher so nicht denkbar gewesen. Ob er in dieser Weise aber gut ist, ist eine andere Frage. Es ist wichtig, dass Konflikte ausgetragen werden, Respekt und der Sinn für das Gemeinsame müssen – um der Kirche willen – aber immer sichtbar und bestimmend bleiben.

Anders als der Islam haben die Kirchen noch einen festen institutionellen Rahmen. Um für die Muslime in Deutschland einen vorübergehenden Ersatz dafür zu finden, trifft sich in dieser Woche die vierte Auflage der Islamkonferenz. Doch auch da steht der Staat mehr und mehr an der Seitenlinie, denn die Muslime, deren Gemeinschaften noch vielschichtiger sind, als das Christentum, tun sich schwer, sich untereinander zu verständigen. Emanzipatorische und kritischere Stimmen werden da bisweilen als islamophob hingestellt, fromme Muslime wiederum als fremdgesteuert gescholten. Auch Themen wie Homosexualität, Rolle der Frau und die wahre Form der Glaubensausübung bieten Konfliktstoff in der anzubahnenden innerislamischen Debatte. Nicht alles kommt einem da fremd vor.

Es wäre fatal, wenn die Christen zurückfielen in eine Art des Glaubenskampfes, der geprägt wäre von mangelndem Respekt dem Anderen gegenüber, fehlender Demut gegenüber den eigenen Gewissheiten und dem Ausblenden des Bewusstseins von Zusammenhalt in Verschiedenheit. Sie wären nicht nur ein schlechtes Vorbild, die Christen, oder auch die Katholiken im Speziellen, sie würden die Axt an ihre eigene Existenz legen.

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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